
Eine ziemlich einfache Frage.
Zumindest klingt sie so.
Wer bin ich eigentlich?
Je länger ich darüber nachdenke, desto schwieriger wird sie.
Denn was davon bin wirklich ich?
Was wurde mir beigebracht?
Was habe ich übernommen?
Was habe ich irgendwann verändert, weil andere Menschen besser damit klarkamen?
Und welche Version von mir habe ich so lange gespielt, dass ich irgendwann selbst vergessen habe, dass es eine Version ist?
Wir lernen nicht nur Verhalten
Wir lernen früh, was andere Menschen von uns erwarten.
Von unseren Eltern.
Von Freunden.
In der Schule.
Später im Beruf.
Und irgendwann von einer ganzen Gesellschaft.
Sei höflich.
Sei fleißig.
Sei ruhig.
Sei selbstbewusst.
Aber nicht arrogant.
Zeig Gefühle.
Aber bitte nicht zu viele.
Setz Grenzen.
Aber sei kein Egoist.
Sei individuell.
Aber funktioniere innerhalb der Regeln.
Sei erfolgreich.
Aber bilde Dir nichts darauf ein.
Sei Du selbst.
Aber irgendwie trotzdem so, dass alle anderen damit klarkommen.
Das Verrückte daran:
Viele dieser Regeln werden uns irgendwann gar nicht mehr bewusst gesagt.
Wir haben sie längst verinnerlicht.
Irgendwann braucht es niemanden mehr, der Dich korrigiert
Das finde ich besonders spannend.
Am Anfang kommt die Korrektur vielleicht von außen.
„Sei nicht so laut.“
„Stell Dich nicht so an.“
„Das macht man nicht.“
„Was sollen die anderen denken?“
„Du musst Dich auch mal anpassen.“
„Sei nicht so empfindlich.“
Irgendwann brauchst Du diese Menschen möglicherweise gar nicht mehr.
Denn ihre Stimmen sind längst in Deinem Kopf.
Du korrigierst Dich selbst.
Bevor Du etwas sagst.
Bevor Du eine Grenze setzt.
Bevor Du Nein sagst.
Bevor Du zugibst, dass Dir etwas zu viel ist.
Und irgendwann fühlt sich diese permanente Selbstkorrektur vielleicht gar nicht mehr wie Anpassung an.
Sie fühlt sich an wie:
Ich.
Und genau das macht Masken so schwer erkennbar
Bei einer Maske denken wir an etwas, das man bewusst aufsetzt.
Ich bin zu Hause Person A.
Dann gehe ich zur Arbeit und werde Person B.
So einfach ist es wahrscheinlich selten.
Eine Maske kann irgendwann so selbstverständlich werden, dass man selbst nicht mehr merkt, dass man sie trägt.
Vielleicht bist Du der Lustige.
Immer.
Also bist Du lustig, obwohl es Dir gerade beschissen geht.
Vielleicht bist Du der Starke.
Also brauchst Du keine Hilfe.
Vielleicht bist Du die Person, die alles organisiert.
Also organisierst Du weiter, obwohl Du längst keine Kraft mehr hast.
Vielleicht bist Du unkompliziert.
Also sagst Du:
„Ist mir egal.“
Obwohl es Dir überhaupt nicht egal ist.
Vielleicht bist Du hilfsbereit.
Immer verfügbar.
Immer verständnisvoll.
Immer für alle da.
Und irgendwann fragst Du Dich:
Bin ich wirklich so?
Oder habe ich irgendwann gelernt, dass ich so sein muss, damit Menschen mich mögen?
Zugehörigkeit kann einen hohen Preis haben
Wir Menschen möchten dazugehören.
Das ist nichts Schwaches.
Zugehörigkeit bedeutet Sicherheit.
Und wenn ich gelernt habe, dass bestimmte Seiten von mir diese Sicherheit gefährden, dann ist Anpassung zunächst ziemlich intelligent.
Ich lerne meine Umgebung.
Ich erkenne Muster.
Ich beobachte Reaktionen.
Ich finde heraus, welche Version von mir funktioniert.
Und vielleicht funktioniert sie sogar verdammt gut.
Das ist das Problem.
Denn wenn die Maske nicht funktionieren würde, würden wir sie wahrscheinlich schneller ablegen.
Aber vielleicht bringt sie Anerkennung.
Freundschaften.
Karriere.
Beziehungen.
Frieden.
Und dann wird es schwierig, sie infrage zu stellen.
Denn plötzlich steht nicht nur die Frage im Raum:
Wer bin ich?
Sondern:
Was verliere ich, wenn ich tatsächlich ich bin?
Vielleicht beginnt hier die eigentliche Identitätskrise
Stell Dir vor, Du hast jahrzehntelang versucht, Erwartungen zu erfüllen.
Und irgendwann erkennst Du:
Ein Teil davon war gar nicht ich.
Okay.
Dann leg die Masken ab.
Klingt einfach.
Nur:
Welche?
Woher weiß ich, was Maske und was Persönlichkeit ist?
Bin ich gerne unter Menschen?
Oder habe ich gelernt, gut unter Menschen zu funktionieren?
Bin ich wirklich harmoniebedürftig?
Oder macht Konflikt mir Angst?
Bin ich hilfsbereit?
Oder kann ich Ablehnung schlecht aushalten?
Bin ich leistungsorientiert?
Oder habe ich gelernt, meinen Wert über Leistung zu definieren?
Bin ich spontan?
Oder fällt es mir schwer, Grenzen zu setzen?
Bin ich tolerant?
Oder sage ich einfach nicht, wenn mich etwas verletzt?
Das sind Fragen, bei denen es keine schnelle Antwort gibt.
Und dann kommt das Nein
Ich glaube, ein kleines Wort kann bei dieser Suche unglaublich viel verändern.
Nein.
Nicht aggressiv.
Nicht aus Trotz.
Einfach Nein.
Nein, das möchte ich nicht.
Nein, heute nicht.
Nein, mir ist das zu viel.
Nein, damit fühle ich mich nicht wohl.
Nein, diese Grenze möchte ich nicht überschreiten.
Für Menschen, die gut darin geworden sind, Erwartungen anderer wahrzunehmen, kann ein Nein unglaublich schwer sein.
Denn direkt dahinter wartet möglicherweise eine andere Frage:
Magst Du mich dann noch?
Und vielleicht ist das der eigentliche Konflikt.
Nicht:
Kann ich Nein sagen?
Sondern:
Kann ich aushalten, dass jemand mein Nein nicht mag?
Grenzen zeigen manchmal, worauf Beziehungen gebaut waren
Das kann unangenehm werden.
Solange Du immer hilfst, bist Du wunderbar.
Solange Du verfügbar bist, bist Du zuverlässig.
Solange Du nachgibst, bist Du unkompliziert.
Solange Du Deine Bedürfnisse hinten anstellst, bist Du angenehm.
Und dann setzt Du eine Grenze.
Plötzlich bist Du schwierig.
Egoistisch.
Anders.
„Früher warst Du nicht so.“
Dieser Satz kann wehtun.
Vielleicht stimmt er sogar.
Vielleicht warst Du früher tatsächlich anders.
Aber die entscheidende Frage wäre:
Warum?
Weil Du Dich verändert hast?
Oder weil Du heute etwas aussprichst, das Du früher heruntergeschluckt hast?
Nicht jede Maske wurde uns absichtlich gegeben
Das ist mir wichtig.
Es wäre einfach, Eltern, Schule oder Gesellschaft die Schuld zu geben.
So funktioniert es für mich nicht.
Eltern geben häufig weiter, was sie selbst gelernt haben.
„Was sollen die Leute denken?“ wurde vielleicht schon ihnen beigebracht.
Lehrer arbeiten in Systemen, deren Regeln sie nicht selbst geschaffen haben.
Führungskräfte führen teilweise so, wie sie selbst geführt wurden.
Menschen geben Normen weiter, ohne jemals darüber nachzudenken, woher sie eigentlich kommen.
Vielleicht tragen wir deshalb manchmal Masken, deren Ursprung niemand mehr kennt.
Generationen geben Erwartungen weiter.
Und irgendwann hält sie jeder für normal.
Bei Neurodivergenz kann das noch einmal eine andere Dimension bekommen
Wenn Dein Nervensystem, Deine Wahrnehmung oder Deine Art zu kommunizieren von dem abweicht, was Deine Umgebung erwartet, bekommst Du möglicherweise besonders häufig Rückmeldungen.
Zu laut.
Zu direkt.
Zu intensiv.
Zu unruhig.
Zu empfindlich.
Zu chaotisch.
Zu emotional.
Oder vielleicht auch:
zu distanziert.
Also beobachtest Du.
Lernst.
Kopierst.
Unterdrückst.
Bereitest Gespräche vor.
Analysierst hinterher, was Du falsch gemacht haben könntest.
Und von außen sieht irgendwann alles vollkommen normal aus.
Vielleicht sogar besonders souverän.
Niemand sieht die Arbeit dahinter.
Und vielleicht siehst Du sie selbst irgendwann auch nicht mehr.
Masken abzulegen kostet deshalb Kraft
Nicht nur, weil man Verhalten verändert.
Man stellt möglicherweise sein gesamtes Selbstbild infrage.
Beziehungen.
Gewohnheiten.
Werte.
Karriereentscheidungen.
Freundschaften.
Die eigene Vergangenheit.
Vielleicht schaut man plötzlich auf Situationen zurück und denkt:
Warum habe ich das eigentlich gemacht?
Wollte ich das?
Oder wollte ich dazugehören?
Das kann befreiend sein.
Aber wahrscheinlich auch verdammt schmerzhaft.
Denn Selbstfindung bedeutet nicht nur, Neues über sich zu entdecken.
Manchmal bedeutet sie auch, sich einzugestehen, wie lange man sich selbst nicht zugehört hat.
Vielleicht muss ich gar nicht herausfinden, wer ich „wirklich“ bin
Dieser Gedanke ist für mich inzwischen fast noch spannender.
Vielleicht gibt es unter all den Masken gar keinen fertigen, unveränderlichen Menschen, den ich nur freilegen muss.
Vielleicht bin ich nicht wie eine Statue, bei der ich lediglich alles wegmeißeln muss, was nicht zu mir gehört.
Vielleicht verändert sich Identität ständig.
Durch Erfahrungen.
Durch Menschen.
Durch Entscheidungen.
Durch Erkenntnisse.
Dann wäre die Frage:
„Wer bin ich wirklich?“
vielleicht gar nicht die entscheidende.
Vielleicht lautet sie:
„Wer möchte ich heute sein, wenn ich nicht mehr nur danach entscheide, was andere von mir erwarten?“
Das gibt mir plötzlich Handlungsspielraum.
Ich muss keinen verlorenen Menschen aus meiner Vergangenheit wiederfinden.
Ich darf mich kennenlernen.
Neu.
Vielleicht beginnt Freiheit genau dort
Nicht dort, wo mir egal ist, was andere Menschen denken.
Ich glaube nicht einmal, dass mir das jemals vollständig egal sein wird.
Menschen bedeuten mir etwas.
Natürlich interessiert mich ihre Meinung.
Freiheit wäre für mich eher:
Ihre Meinung hören zu können, ohne daraus automatisch eine Anweisung für mein Leben zu machen.
Ich kann Dich enttäuschen und trotzdem ein guter Mensch sein.
Ich kann Nein sagen und Dich trotzdem mögen.
Ich kann anders sein, als Du mich kennengelernt hast.
Ich kann Bedürfnisse haben, die Du nicht verstehst.
Ich kann mich verändern.
Und Du darfst das ebenfalls.
Vielleicht geht es beim Ablegen von Masken deshalb gar nicht darum, irgendwann vollkommen maskenlos durchs Leben zu laufen.
Vielleicht geht es darum, die Wahl zurückzubekommen.
Zu erkennen:
Hier passe ich mich gerade bewusst an.
Hier nehme ich Rücksicht.
Hier entscheide ich mich für einen Kompromiss.
Aber auch:
Hier verliere ich mich gerade.
Und dann darf ich stoppen.
Vielleicht lautet die Frage deshalb irgendwann nicht mehr:
Wer bin ich eigentlich?
Sondern:
Wie viel von mir darf in meinem eigenen Leben endlich wieder vorkommen?
Weiterdenken: Wie wir dem, was uns passiert, Bedeutung geben, steht in „Das Leben ist nicht ungerecht. Es ist unparteiisch.“ Und woher meine Frage nach Sinn überhaupt kommt, in „Das Gefühl des Nichts“.
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