Ein einzelner Baum im Nebel auf einem stillen Feld
Foto: Ersin auf Pexels

„Das ist so ungerecht.“

Wie oft sagen wir diesen Satz?

Wenn jemand krank wird.
Wenn eine Beziehung zerbricht.
Wenn jemand seinen Job verliert.
Wenn ein Mensch alles richtig zu machen scheint und trotzdem verliert.
Oder wenn jemand anderes scheinbar alles falsch macht und trotzdem gewinnt.

Ich habe irgendwann angefangen, mich an einem Wort in diesem Satz zu stören:

ungerecht.

Denn damit das Leben ungerecht sein könnte, müsste es vorher entschieden haben, was gerecht wäre.

Und ich glaube nicht, dass das Leben entscheidet.

Das Leben kennt keine Gerechtigkeit

Ein Sturm entscheidet nicht, welches Haus er zerstört.
Eine Krankheit fragt nicht, ob jemand ein guter Mensch war.
Ein Unfall prüft vorher nicht, wer ihn verdient hätte.

Und Erfolg wird nicht automatisch an diejenigen verteilt, die besonders viel dafür getan haben.

Das kann brutal sein.

Aber vielleicht liegt genau darin ein Denkfehler.

Wir erwarten vom Leben eine Form von Gerechtigkeit, die nur wir Menschen kennen.

Wir haben Vorstellungen davon entwickelt, was fair und unfair ist.
Was jemand verdient.
Was richtig und falsch ist.

Und wenn die Realität davon abweicht, sagen wir:

Das Leben ist ungerecht.

Vielleicht ist es das aber gar nicht.

Vielleicht ist es einfach unparteiisch.

Das bedeutet nicht: Du bist selbst schuld

Das ist mir bei diesem Gedanken besonders wichtig.

Denn man könnte daraus sehr schnell eine ziemlich beschissene Lebensweisheit machen:

„Du entscheidest selbst, was Du daraus machst.“

Nein.

Nicht immer.

Es gibt Dinge, die einen Menschen treffen können, die sich nicht positiv denken lassen.

Verlust bleibt Verlust.
Schmerz bleibt Schmerz.
Trauer darf Trauer sein.

Und jemandem in einer schweren Situation zu erklären, er müsse einfach seine Einstellung ändern, ist keine Lebensweisheit.

Es ist fehlende Empathie.

Wir können nicht entscheiden, was uns passiert.

Wir können auch nicht immer entscheiden, was es emotional mit uns macht.

Aber irgendwann entsteht möglicherweise ein kleiner Bereich, über den wir wieder Einfluss bekommen.

Die Frage ist dann:

Was mache ich jetzt damit?

Zwischen Kontrolle und Einfluss liegt ein großer Unterschied

Das beschäftigt mich immer wieder.

Wir versuchen unglaublich viel zu kontrollieren.

Unsere Karriere.
Unsere Beziehungen.
Unsere Kinder.
Unsere Zukunft.
Die Meinung anderer Menschen über uns.
Unseren Körper.
Unser Leben.

Dabei können wir vieles davon überhaupt nicht kontrollieren.

Wir können aber Einfluss nehmen.

Ich kann einem Menschen sagen, was ich fühle.
Ich kann nicht kontrollieren, wie er darauf reagiert.

Ich kann meinen Kindern Werte mitgeben.
Ich kann nicht bestimmen, welche Menschen sie später werden.

Ich kann ein Unternehmen führen und Entscheidungen treffen.
Ich kann nicht garantieren, dass jede davon funktioniert.

Ich kann Menschen gut behandeln.
Ich kann nicht erzwingen, dass sie mich mögen.

Vielleicht entsteht ein großer Teil unseres inneren Drucks genau dort, wo wir Einfluss mit Kontrolle verwechseln.

Und dann kommt unsere Wahrnehmung dazu

Eine Situation passiert.

Zwei Menschen erleben sie.

Und erzählen anschließend zwei vollkommen unterschiedliche Geschichten darüber.

Das finde ich faszinierend.

Denn wir erleben die Welt nicht einfach so, wie sie ist.

Wir erleben sie durch uns.

Durch unsere Erfahrungen.
Unsere Ängste.
Unsere Erwartungen.
Unsere Erinnerungen.
Unser Nervensystem.
Unsere aktuelle Stimmung.

Und wahrscheinlich durch unzählige Dinge, die uns in diesem Moment überhaupt nicht bewusst sind.

Das Ereignis ist passiert.

Aber das, was dieses Ereignis für uns bedeutet, entsteht erst danach.

Das heißt nicht, dass alles nur Einbildung ist.

Es bedeutet etwas anderes:

Zwischen dem, was passiert, und dem, was es für mich bedeutet, liegt ein Raum.

Manchmal ist dieser Raum riesig.
Manchmal ist er kaum vorhanden.

Vielleicht verändern wir Vergangenheit ständig

Dieser Gedanke geht für mich noch weiter.

Denn selbst unsere Erinnerung ist keine perfekte Aufnahme.

Wir erinnern uns an Situationen aus der Perspektive des Menschen, der wir heute sind.

Neue Erfahrungen verändern möglicherweise, wie wir alte Erfahrungen bewerten.

Etwas, das sich früher wie Scheitern angefühlt hat, kann zehn Jahre später der Ausgangspunkt für etwas Wichtiges gewesen sein.

Dadurch wird das damalige Leid nicht plötzlich schön.

Aber seine Bedeutung kann sich verändern.

Und das finde ich bemerkenswert.

Das Ereignis selbst können wir nicht verändern.

Unsere Beziehung zu diesem Ereignis möglicherweise schon.

Warum ich deshalb mit dem Wort „ungerecht“ vorsichtig geworden bin

Natürlich empfinde auch ich Dinge als unfair.

Ich bin schließlich kein philosophischer Zen-Mönch, der morgens schwebend über seinem Bett meditiert und danach von nichts mehr berührt wird.

Ich rege mich auf.
Ich bin enttäuscht.
Ich frage mich, warum Dinge passieren.
Ich hadere.

Aber irgendwann versuche ich, eine andere Frage zu stellen.

Nicht:

Warum passiert ausgerechnet mir das?

Sondern:

Was davon kann ich beeinflussen?

Manchmal lautet die Antwort:

Nichts.

Dann muss ich vielleicht genau das akzeptieren.

Manchmal gibt es aber etwas.

Eine Entscheidung.
Ein Gespräch.
Eine Grenze.
Eine Veränderung.

Oder einfach die Entscheidung, einer Sache nicht mehr jeden Tag dieselbe Macht über mich zu geben.

Vielleicht schuldet uns das Leben nichts

Das klingt im ersten Moment hart.

Für mich ist der Gedanke inzwischen eher befreiend.

Wenn das Leben mir nichts schuldet, muss ich auch nicht permanent überprüfen, ob ich gerade meinen gerechten Anteil bekomme.

Dann muss nicht jedes gute Verhalten belohnt werden.
Nicht jede Anstrengung erfolgreich sein.
Nicht jede Beziehung funktionieren.
Nicht jeder Plan aufgehen.

Das bedeutet nicht, dass mir alles egal sein soll.

Ganz im Gegenteil.

Es bedeutet für mich:

Ich übernehme Verantwortung für den Teil, den ich tatsächlich beeinflussen kann.

Und ich versuche zu erkennen, wo dieser Teil endet.

Vielleicht ist genau diese Grenze wichtig.

Denn wenn ich glaube, alles kontrollieren zu können, gebe ich mir irgendwann auch für alles die Schuld.

Und wenn ich glaube, überhaupt nichts beeinflussen zu können, gebe ich meine Gestaltungsmöglichkeit ab.

Beides fühlt sich für mich falsch an.

Das Leben ist nicht gerecht.

Aber vielleicht ist es auch nicht ungerecht.

Vielleicht ist es einfach da.

Unparteiisch.

Unbeeindruckt von unseren Vorstellungen davon, wie es eigentlich hätte laufen sollen.

Und dann passiert etwas.

Manches wunderschön.
Manches beschissen.
Manches vollkommen bedeutungslos.
Und manches verändert alles.

Wir können nicht immer bestimmen, was davon uns begegnet.

Aber vielleicht können wir mit der Zeit beeinflussen, welche Bedeutung wir ihm für unser weiteres Leben geben.

Nicht immer.
Nicht sofort.
Und manchmal erst Jahre später.

Aber genau dort beginnt für mich der Teil des Lebens, den ich tatsächlich gestalten kann.


Weiterdenken: Der Gedanke dahinter, warum ich überhaupt nach Bedeutung frage, steht in „Das Gefühl des Nichts – warum mich diese Frage seit meiner Kindheit begleitet“.


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