
Es gibt einen Gedanken, den ich schon sehr lange mit mir herumtrage.
Ich weiß nicht mehr, wann er das erste Mal da war. Ich weiß aber, dass ich noch ein Kind war. Vielleicht neun Jahre alt.
Und eigentlich ist es eine ziemlich einfache Frage:
Warum machen wir das alles?
Wir werden geboren. Wir wachsen auf. Gehen zur Schule. Arbeiten. Verdienen Geld. Kaufen Dinge. Verlieben uns. Bekommen vielleicht Kinder. Streiten uns. Versöhnen uns. Machen Urlaub. Haben Angst. Freuen uns. Versuchen erfolgreich zu sein.
Und irgendwann sterben wir.
Das klingt ziemlich düster.
Für mich war es das aber nie.
Es war eher dieses merkwürdige Gefühl des Nichts.
Was bleibt, wenn man weit genug herauszoomt?
Stell Dir vor, Du könntest immer weiter aus Deinem Leben herauszoomen.
Du siehst Dich.
Dann Deine Straße.
Deine Stadt.
Deutschland.
Europa.
Die Erde.
Unser Sonnensystem.
Unsere Galaxie.
Und irgendwann ist das, was gerade noch Dein gesamtes Leben war, nicht einmal mehr zu erkennen.
Der Termin morgen?
Weg.
Die E-Mail, über die Du Dich seit zwei Stunden ärgerst?
Weg.
Die Person, deren Meinung über Dich Dich gerade beschäftigt?
Weg.
Dein Auto. Dein Haus. Dein Jobtitel. Dein Kontostand. Deine Follower.
Alles weg.
Und trotzdem können genau diese Dinge in unserem Alltag eine unglaubliche Macht über uns bekommen.
Das hat mich schon als Kind beschäftigt.
Warum geben wir Dingen so viel Bedeutung?
Noch spannender finde ich unsere Sprache.
Jemand sagt etwas.
Ein paar Schwingungen bewegen sich durch die Luft. Unser Ohr nimmt sie wahr. Unser Gehirn verarbeitet sie und plötzlich sind wir glücklich, traurig, verletzt oder wütend.
Nicht wegen der Schwingungen.
Sondern wegen der Bedeutung, die wir ihnen geben.
Ein einziges Wort kann einen Menschen tagelang beschäftigen.
Aber das Wort selbst?
Es ist erst einmal nur ein Wort.
Wir haben ihm Bedeutung gegeben.
Und genau hier beginnt für mich eine der interessantesten Fragen überhaupt:
Wie viel von unserer Welt existiert tatsächlich – und wie viel davon entsteht erst in uns?
Vielleicht ist das Nichts gar nicht leer
Früher hatte ich dafür keine Begriffe.
Ich konnte diesen Gedanken nicht wissenschaftlich einordnen. Ich wusste nichts über Wahrnehmungspsychologie, Neurodivergenz oder darüber, wie unser Gehirn Realität konstruiert.
Und natürlich gab es auch keine KI, mit der ich diese Gedanken hätte auseinandernehmen können.
Der Gedanke war trotzdem da.
Heute würde ich ihn anders formulieren.
Vielleicht bedeutet dieses „Nichts“ nämlich nicht, dass nichts einen Sinn hat.
Vielleicht bedeutet es genau das Gegenteil:
Vielleicht dürfen wir selbst entscheiden, was Bedeutung bekommt.
Das verändert für mich sehr viel.
Denn wenn Bedeutung nicht überall fertig herumliegt und nur darauf wartet, von uns gefunden zu werden, dann entsteht ein Teil davon durch uns.
Durch Beziehungen.
Durch Erfahrungen.
Durch Erinnerungen.
Durch Liebe.
Durch Schmerz.
Durch die Menschen, für die wir etwas bedeuten.
Und dann kam KI hinzu
Das Interessante an KI war für mich irgendwann nicht mehr nur, dass ich damit Dinge schneller erledigen kann.
Mich hat etwas anderes fasziniert.
Ich konnte plötzlich einen Gedanken nehmen, den ich seit Jahrzehnten mit mir herumtrage, und anfangen, mit ihm zu spielen.
Ich konnte fragen:
Was spricht dagegen?
Welche philosophische Idee steckt darin?
Welche psychologische Erklärung könnte es geben?
Was übersehe ich?
Was passiert, wenn ich meine eigene Annahme umdrehe?
Und genau das ist für mich eine der spannendsten Möglichkeiten von KI.
Nicht das Denken abzugeben, sondern mehr zu denken.
KI muss mir nicht sagen, was richtig ist.
Sie kann mir helfen, eine weitere Tür in einem Gedanken zu entdecken, von der ich vorher nicht wusste, dass sie da ist.
Und manchmal verändert schon die nächste Frage den gesamten Gedanken.
KI gibt mir keine Bedeutung
Das ist für mich ein entscheidender Unterschied.
Ich möchte nicht, dass KI für mich denkt.
Ich möchte mit ihr denken.
Denn meine Erfahrungen kann sie nicht gemacht haben.
Sie war nicht das Kind, das sich diese Fragen gestellt hat.
Sie hat nicht meine Beziehungen erlebt.
Nicht meine Entscheidungen getroffen.
Nicht meine Fehler gemacht.
Nicht meine Kinder angesehen.
Nicht meine Ängste gespürt.
Der Ausgangspunkt bleibt deshalb menschlich.
KI kann aber dabei helfen, diesen Ausgangspunkt aus Perspektiven zu betrachten, auf die ich alleine vielleicht nicht gekommen wäre.
Und genau dadurch bin ich bei meinem ursprünglichen Gedanken heute an einem anderen Punkt.
Vielleicht brauchen wir keinen universellen Sinn
Als Kind hat mich die Vorstellung des Nichts irritiert.
Heute empfinde ich sie teilweise sogar als befreiend.
Denn vielleicht muss mein Leben gar keine kosmische Bedeutung haben.
Vielleicht muss das Universum nicht wissen, dass ich existiere.
Vielleicht reicht es vollkommen aus, wenn mein Leben für die Menschen Bedeutung hat, die mit mir leben.
Und für mich.
Wenn ich jemanden zum Lachen bringe, ist dieser Moment passiert.
Wenn ich meinen Kindern etwas mitgebe, lebt etwas davon weiter.
Wenn ich einem Menschen helfe, sich selbst anders zu betrachten, hat sich etwas verändert.
Vielleicht nur ganz klein.
Aber real.
Das verändert auch meinen Blick auf Erfolg
Wenn ich weit genug herauszoome, interessiert sich das Universum vermutlich relativ wenig für meinen Jobtitel.
Das bedeutet nicht, dass Erfolg unwichtig ist.
Es bedeutet für mich nur, dass ich entscheiden darf, welchen Erfolg ich überhaupt meine.
Geld?
Ein Unternehmen?
Reichweite?
Status?
Zeit?
Freiheit?
Liebe?
Menschen, die gerne mit mir zusammen sind?
Kinder, die irgendwann sagen können: Mein Vater hat mich gesehen, wie ich wirklich bin?
Das sind vollkommen unterschiedliche Definitionen von Erfolg.
Und vielleicht entsteht ein großer Teil unserer Unzufriedenheit dadurch, dass wir versuchen, nach Definitionen erfolgreich zu sein, die wir selbst nie festgelegt haben.
Was bleibt von meinem ursprünglichen Gedanken?
Erstaunlich viel.
Ich glaube noch immer, dass vieles, was wir unglaublich ernst nehmen, seine Bedeutung verliert, sobald wir weit genug herauszoomen.
Aber ich ziehe daraus heute eine andere Konsequenz.
Früher war meine Frage:
Wenn am Ende sowieso nichts bleibt, warum machen wir das alles?
Heute würde ich fragen:
Wenn am Ende sowieso nicht alles bleibt – was soll bis dahin für mich Bedeutung haben?
Das ist ein kleiner Unterschied in der Formulierung.
Für mich ist es ein gewaltiger Unterschied im Denken.
Denn das Nichts nimmt dem Leben damit nicht seine Bedeutung.
Es zwingt mich eher dazu, darüber nachzudenken, wem ich die begrenzte Zeit dazwischen geben möchte.
Und vielleicht ist genau das der Punkt.
Nicht herauszufinden, was das Leben bedeutet.
Sondern bewusst zu entscheiden, was mein Leben bedeuten soll.
Weiterdenken: Was passiert, wenn wir dem, was uns widerfährt, Bedeutung geben? Darum geht es in „Das Leben ist nicht ungerecht. Es ist unparteiisch.“
Schreibe einen Kommentar