
„Du bist zu viel.“
Zu laut.
Zu emotional.
Zu direkt.
Zu anstrengend.
Zu intensiv.
Zu sensibel.
Zu unruhig.
Zu neugierig.
Zu kompliziert.
Ich finde das Wort „zu“ inzwischen ziemlich interessant.
Denn es klingt nach einer Messung.
Als gäbe es irgendwo eine festgelegte Menge davon, wie emotional, laut, direkt oder intensiv ein Mensch sein darf.
Bis hierhin ist richtig.
Und danach bist Du:
zu viel.
Aber wer hat diese Grenze eigentlich festgelegt?
Zu viel – für wen?
Vielleicht fehlt genau diese Frage.
Du bist zu laut.
Für wen?
Du bist zu emotional.
Für wen?
Du redest zu viel.
Für wen?
Du brauchst zu viel Nähe.
Für wen?
Du stellst zu viele Fragen.
Für wen?
Denn vielleicht sitzt Dir morgen ein anderer Mensch gegenüber und sagt:
„Endlich jemand, mit dem ich richtig reden kann.“
Du hast Dich nicht verändert.
Deine Intensität ist dieselbe.
Nur Dein Gegenüber ist ein anderes.
Vielleicht ist Dein Gegenüber gerade voll
Dieser Gedanke gefällt mir.
Stell Dir zwei Gläser vor.
Das eine ist fast leer.
Das andere bereits bis zum Rand gefüllt.
Jetzt gießt Du in beide dieselbe Menge Wasser.
Beim ersten passiert nichts.
Beim zweiten läuft es über.
War das Wasser beim zweiten Glas plötzlich zu viel?
Ja.
Aber nicht, weil sich das Wasser verändert hat.
Die Ausgangssituation war eine andere.
Vielleicht funktioniert menschliche Interaktion manchmal ähnlich.
Ein Mensch kommt nach Hause.
Stressiger Tag.
Zu wenig Schlaf.
Lärm.
Termine.
Probleme.
Der Kopf ist voll.
Dann kommt jemand mit Energie, Fragen, Gedanken und Gesprächsbedarf.
„Du bist mir gerade zu viel.“
Das kann vollkommen wahr sein.
Aber vielleicht bedeutet dieser Satz nicht:
Du bist grundsätzlich zu viel.
Vielleicht bedeutet er:
Ich kann gerade nicht mehr aufnehmen.
Das ist ein gewaltiger Unterschied.
Wir machen aus Situationen schnell Identitäten
Das passiert ständig.
Ein Kind verhält sich in einer Situation schwierig.
Das schwierige Kind.
Ein Mitarbeiter widerspricht häufig.
Der schwierige Mitarbeiter.
Ein Mensch reagiert emotional.
Der emotionale Mensch.
Jemand braucht Unterstützung.
Der unselbstständige Mensch.
Aus Verhalten wird eine Eigenschaft.
Aus einer Eigenschaft wird Identität.
Und irgendwann hört der Mensch dieselbe Beschreibung so häufig, dass er vielleicht selbst daran glaubt.
Ich bin anstrengend.
Nicht:
Diese Situation war anstrengend.
Nicht:
Unsere Bedürfnisse haben gerade nicht zusammengepasst.
Sondern:
Ich.
Sprache macht etwas mit unserem Selbstbild
Ich glaube, wir unterschätzen das.
Besonders bei Kindern.
Wenn ein Kind immer wieder hört:
Du bist chaotisch.
Du bist faul.
Du bist anstrengend.
Du bist unkonzentriert.
Du bist empfindlich.
Dann beschreiben wir irgendwann nicht mehr Verhalten.
Wir beschreiben den Menschen.
Vielleicht wäre ein kleiner sprachlicher Unterschied schon wichtig.
Nicht:
„Du bist anstrengend.“
Sondern:
„Diese Situation ist gerade anstrengend für mich.“
Der erste Satz sagt etwas über Dich.
Der zweite über mich.
Und vielleicht ist genau das ehrlicher.
Das bedeutet nicht, dass jeder immer genau richtig ist
Auch hier möchte ich nicht in diese Richtung gehen:
„Du bist perfekt, alle anderen verstehen Dich nur nicht.“
Nein.
Menschen können anstrengend sein.
Ich kann anstrengend sein.
Du kannst anstrengend sein.
Menschen können Grenzen überschreiten.
Zu viel reden.
Nicht zuhören.
Andere überfordern.
Unfair sein.
Rücksichtslos handeln.
Und dann müssen wir darüber sprechen.
Aber vielleicht sollten wir Verhalten beschreiben, statt einen ganzen Menschen daraus zu machen.
„Ich brauche gerade Ruhe.“
ist etwas anderes als:
„Du nervst.“
„Ich kann dieses Gespräch gerade nicht führen.“
ist etwas anderes als:
„Du bist zu emotional.“
Das Bedürfnis bleibt dasselbe.
Aber der andere Mensch muss dafür nicht falsch werden.
Vielleicht passen Menschen manchmal einfach nicht zusammen
Auch das darf sein.
Nicht jeder Mensch muss jeden Menschen mögen.
Nicht jede Freundschaft funktioniert.
Nicht jede Beziehung.
Nicht jedes Team.
Vielleicht bin ich einem Menschen tatsächlich dauerhaft zu intensiv.
Und vielleicht brauche ich gleichzeitig mehr Tiefe, als dieser Mensch geben möchte.
Dann muss niemand schuld sein.
Vielleicht passen unsere Bedürfnisse einfach nicht zusammen.
Ich finde diesen Gedanken befreiend.
Denn wir versuchen Beziehungen manchmal zu reparieren, indem einer der beiden Menschen weniger er selbst wird.
Weniger reden.
Weniger fühlen.
Weniger brauchen.
Weniger fragen.
Weniger zeigen.
Aber vielleicht wäre die ehrlichere Erkenntnis manchmal:
Wir passen hier einfach nicht gut zusammen.
Das darf wehtun.
Aber es muss niemanden falsch machen.
Das gilt auch für Arbeit
Ein sehr direkter Mensch kann in einem Unternehmen ständig anecken.
In einem anderen wird genau diese Direktheit geschätzt.
Jemand, der ständig bestehende Prozesse hinterfragt, kann für eine Führungskraft wahnsinnig anstrengend sein.
In einem Innovationsprojekt kann genau dieser Mensch unglaublich wertvoll sein.
Jemand braucht klare Strukturen.
In einem chaotischen Unternehmen geht er unter.
In einem strukturierten Umfeld blüht er auf.
Hat sich der Mensch verändert?
Nein.
Der Kontext hat sich verändert.
Vielleicht bewerten wir deshalb Eigenschaften viel zu isoliert.
Stärken und Schwächen sind manchmal dieselbe Eigenschaft
Das finde ich besonders spannend.
Direktheit.
Kann verletzen.
Kann Klarheit schaffen.
Sensibilität.
Kann überfordern.
Kann feinste Veränderungen wahrnehmen.
Impulsivität.
Kann Probleme verursachen.
Kann schnelle Entscheidungen ermöglichen.
Hartnäckigkeit.
Kann nerven.
Kann dafür sorgen, dass jemand nicht aufgibt.
Detailorientierung.
Kann Prozesse verlangsamen.
Kann Fehler entdecken, die sonst niemand sieht.
Vielleicht besitzt ein Mensch nicht einfach eine Liste mit Stärken und daneben eine Liste mit Schwächen.
Vielleicht hängt vieles davon ab:
Wo? Wann? Mit wem? Wofür?
Und plötzlich verändert sich die Frage
Statt:
„Was stimmt mit mir nicht?“
könnte ich fragen:
„Unter welchen Bedingungen funktioniert diese Seite von mir gut?“
Das bedeutet nicht, dass ich mich nicht entwickeln muss.
Im Gegenteil.
Wenn ich weiß, wie ich funktioniere, kann ich Verantwortung dafür übernehmen.
Ich kann lernen, meine Direktheit anders einzusetzen.
Meine Energie zu regulieren.
Grenzen anderer wahrzunehmen.
Zu erkennen, wann meine Stärke gerade zur Belastung wird.
Aber ich muss dafür nicht die gesamte Eigenschaft aus mir entfernen.
Vielleicht muss ich lernen, sie zu steuern.
Vielleicht müssen wir deshalb auch bei Kritik genauer werden
„Du bist zu viel.“
Was soll ich damit anfangen?
Welcher Teil?
Wann?
Was genau hat Dich überfordert?
Was hättest Du gebraucht?
Das sind Informationen, mit denen ich arbeiten kann.
Vielleicht lautet die Antwort:
„Als ich Dir gesagt habe, dass ich Ruhe brauche, hast Du weitergeredet.“
Okay.
Jetzt sprechen wir über Verhalten.
Jetzt kann ich Verantwortung übernehmen.
Aber:
„Du bist einfach anstrengend.“
lässt kaum Raum.
Außer kleiner zu werden.
Und genau das tun Menschen irgendwann
Sie werden leiser.
Vorsichtiger.
Sie erzählen weniger.
Fragen weniger.
Zeigen weniger Begeisterung.
Teilen weniger Gedanken.
Vielleicht wirken sie irgendwann vollkommen angepasst.
Und alle sagen:
„Siehst Du. Geht doch.“
Nur weiß niemand, was es diesen Menschen kostet.
Vielleicht beginnt genau dort wieder die Maske, über die ich vorher geschrieben habe.
Nicht weil jemand unbedingt jemand anderes sein möchte.
Sondern weil er gelernt hat:
Von mir ist weniger angenehmer.
Das ist ein verdammt trauriger Gedanke.
Vielleicht bist Du also manchmal tatsächlich zu viel
Für einen Menschen.
In einem Moment.
In einer Situation.
Das darf jemand sagen.
Grenzen sind wichtig.
Aber daraus folgt nicht automatisch:
Du bist zu viel für diese Welt.
Vielleicht brauchst Du Menschen, die eine ähnliche Intensität mögen.
Ein Umfeld, in dem Deine Art zu denken gebraucht wird.
Beziehungen, in denen Tiefe nicht als Belastung empfunden wird.
Und gleichzeitig die Fähigkeit zu erkennen, wann auch ein Mensch, der Dich liebt, einfach gerade keine Kapazität hat.
Vielleicht lautet der gesündere Satz deshalb:
„Du bist mir gerade zu viel.“
Und nicht:
„Du bist zu viel.“
Ein einziges Wort verändert fast alles.
Gerade.
Denn es lässt Dich ganz.
Und beschreibt trotzdem meine Grenze.
Weiterdenken: Wie sehr „normal“ oft nur eine Erwartung ist, steht in „Was ist eigentlich normal?“.
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