Was ist eigentlich normal?

Lebhafte europäische Straßenszene mit Menschen
Foto: Tasso Mitsarakis auf Pexels

„Das ist doch nicht normal.“

Ein Satz, den wir ziemlich schnell sagen.

Aber was bedeutet er eigentlich?

Was ist normal?

Das, was die meisten Menschen machen?
Das, was gesellschaftlich akzeptiert ist?
Das, was gesund ist?
Das, was wir gewohnt sind?
Oder einfach das, was wir selbst kennen?

Je länger ich darüber nachdenke, desto schwieriger finde ich dieses kleine Wort.

Denn wir benutzen „normal“ häufig so, als wäre es eine objektive Eigenschaft.

Dabei beschreibt es vielleicht viel öfter eine Erwartung.

Normalität braucht einen Vergleich

Ein Mensch ist nicht einfach groß.

Er ist groß im Vergleich zu anderen Menschen.

Jemand ist nicht automatisch laut.

Er ist lauter als das, was wir in dieser Situation erwarten.

Und vielleicht funktioniert „normal“ ähnlich.

Wir beobachten viele Menschen.

Bestimmte Verhaltensweisen kommen häufig vor.

Wir gewöhnen uns daran.

Und irgendwann wird aus:

„Viele Menschen machen das so.“

unbemerkt:

„So macht man das.“

Das ist ein gewaltiger Unterschied.

Denn der erste Satz beschreibt.

Der zweite bewertet.

Häufig bedeutet nicht automatisch richtig

Die meisten Menschen haben zwei Hände.

Das ist statistisch normal.

Ein Mensch mit einer Hand ist deshalb nicht falsch.

Das verstehen wir sofort.

Bei Verhalten fällt uns diese Trennung deutlich schwerer.

Viele Menschen schauen ihr Gegenüber während eines Gesprächs an.
Also wird Blickkontakt mit Aufmerksamkeit verbunden.

Viele Menschen können eine gewisse Zeit still sitzen.
Also verbinden wir stilles Sitzen mit Konzentration.

Viele Menschen verstehen bestimmte soziale Andeutungen intuitiv.
Also erwarten wir, dass andere sie ebenfalls verstehen.

Viele Menschen können Hintergrundgeräusche einigermaßen ausblenden.
Also gilt ein normales Büro als vollkommen akzeptable Arbeitsumgebung.

Und wer damit Schwierigkeiten hat, bekommt schnell ein Problem zugeschrieben.

Vielleicht beschreiben wir dann aber gar nicht, was dieser Mensch nicht kann.

Vielleicht beschreiben wir nur, dass er etwas anders macht als die Mehrheit.

Blickkontakt finde ich dafür besonders spannend

Wir bringen Kindern bei:

„Schau mich an, wenn ich mit Dir rede.“

Warum?

Weil Blickkontakt in unserer Kultur Aufmerksamkeit, Respekt und Interesse signalisieren kann.

Aber was passiert, wenn ein Mensch besser zuhören kann, wenn er mich nicht anschaut?

Dann entsteht ein interessanter Konflikt.

Ich möchte Aufmerksamkeit.

Also fordere ich Blickkontakt.

Der andere Mensch muss nun einen Teil seiner Aufmerksamkeit darauf verwenden, meinen Blickkontakt zu erfüllen.

Und kann mir dadurch möglicherweise schlechter zuhören.

Wir haben dann das sichtbare Zeichen von Aufmerksamkeit bekommen.

Und vielleicht gleichzeitig weniger tatsächliche Aufmerksamkeit.

Das finde ich faszinierend.

Wir bewerten Menschen häufig über sichtbare Signale

Ein Mensch sitzt ruhig.

Konzentriert.

Vielleicht.

Vielleicht denkt er gerade über etwas vollkommen anderes nach.

Ein anderer kritzelt auf einem Blatt herum.

Unaufmerksam.

Vielleicht.

Vielleicht hilft ihm genau diese Bewegung dabei, zuzuhören.

Jemand schaut mich direkt an.

Interessiert.

Vielleicht.

Jemand anderes schaut aus dem Fenster und kann anschließend jedes Wort wiedergeben.

Was bewerten wir?

Die tatsächliche Aufmerksamkeit oder das Verhalten, das wir mit Aufmerksamkeit verbinden?

Diese Frage geht für mich weit über Neurodivergenz hinaus.

Gesellschaft braucht trotzdem Normen

Natürlich.

Wenn jeder Mensch seine eigene Definition davon hätte, wie Straßenverkehr funktioniert, hätten wir ein Problem.

Wir brauchen gemeinsame Vereinbarungen.

Sprache ist eine Vereinbarung.
Gesetze sind Vereinbarungen.
Höflichkeit besteht zu einem großen Teil aus Vereinbarungen.

Normen ermöglichen Zusammenleben.

Ich halte es deshalb für zu einfach zu sagen:

„Normalität gibt es nicht.“

Natürlich gibt es statistische Normalität.

Es gibt gesellschaftliche Normen.

Und es gibt Verhaltensweisen, die innerhalb bestimmter Situationen erwartet werden.

Mich interessiert etwas anderes:

Wann wird aus einer hilfreichen Norm ein Maßstab für den Wert eines Menschen?

Anders wird erstaunlich schnell zu falsch

Das beginnt manchmal schon bei kleinen Dingen.

Ein Kind spielt lieber alleine.
Wir machen uns Sorgen.

Ein Mensch braucht nach einer Feier zwei Tage Ruhe.
Komisch.

Jemand mag keinen Smalltalk.
Unsozial.

Jemand reagiert sehr emotional.
Zu empfindlich.

Jemand reagiert kaum sichtbar.
Kalt.

Jemand fragt ständig nach dem Warum.
Anstrengend.

Vielleicht steckt hinter all diesen Dingen tatsächlich ein Problem.

Vielleicht aber auch nicht.

Vielleicht müssten wir vor der Bewertung eine andere Frage stellen:

Leidet dieser Mensch darunter – oder leiden hauptsächlich wir darunter, dass er nicht unseren Erwartungen entspricht?

Das ist für mich eine wichtige Unterscheidung.

Neurodivergenz macht Normalität sichtbar

Vielleicht ist genau das einer der Gründe, warum mich Neurodivergenz so beschäftigt.

Nicht nur wegen ADHS oder Autismus selbst.

Sondern weil Neurodivergenz etwas sichtbar macht, das wir sonst kaum hinterfragen:

Unsere Vorstellung davon, wie ein Mensch funktionieren sollte.

Wie lange sollte jemand konzentriert sein können?
Wie sollte man kommunizieren?
Wie organisiert sollte ein Mensch sein?
Wie viel Nähe ist normal?
Wie viel Bewegung?
Wie viel Emotionalität?
Wie viele soziale Kontakte?
Wie viel Ordnung?
Wie viel Chaos?

Vielleicht gibt es auf viele dieser Fragen gar keine einzelne richtige Antwort.

Vielleicht gibt es Bereiche.
Spektren.
Kontexte.

Und vielleicht brauchen wir die Abweichung

Dieser Gedanke geht für mich noch weiter.

Wenn alle Menschen exakt gleich denken würden, hätten wir wahrscheinlich weniger Konflikte.

Aber vermutlich auch weniger Neues.

Fortschritt entsteht häufig dadurch, dass jemand etwas nicht so macht wie vorher.

Jemand stellt eine Regel infrage.
Jemand sieht einen Zusammenhang anders.
Jemand hält etwas, das alle für selbstverständlich halten, plötzlich für unsinnig.

Das macht Abweichung nicht automatisch wertvoll.

Anders ist nicht automatisch besser.

Aber:

Ohne Anders gibt es kein Neu.

Das finde ich wichtig.

Denn eine Gesellschaft, die Abweichung ausschließlich als Problem betrachtet, könnte genau die Menschen ausbremsen, die ihre bestehenden Strukturen infrage stellen würden.

Vielleicht verändert sich Normalität sowieso ständig

Dinge, die vor 50 Jahren vollkommen normal waren, wirken heute merkwürdig.

Dinge, die heute selbstverständlich sind, wären früher kaum vorstellbar gewesen.

Unsere Sprache verändert sich.
Unsere Arbeitswelt.
Familienbilder.
Erziehung.
Kommunikation.
Technologie.

Das zeigt etwas Interessantes:

Wenn Normalität objektiv wäre, dürfte sie sich eigentlich nicht ständig verändern.

Tut sie aber.

Vielleicht ist Normalität deshalb zu einem großen Teil eine Momentaufnahme.

Eine gesellschaftliche Vereinbarung auf Zeit.

Das bedeutet nicht, dass alles beliebig ist

Auch hier finde ich die Grenze wichtig.

Nicht jedes Verhalten muss akzeptiert werden.

Wenn ich andere Menschen verletze, reicht:

„So bin ich eben“

nicht.

Individualität hebt Verantwortung nicht auf.

Meine Bedürfnisse existieren.

Die Bedürfnisse anderer Menschen aber ebenfalls.

Vielleicht brauchen wir deshalb Normen nicht, um Menschen gleichzumachen.

Sondern um auszuhandeln, wo unsere Unterschiede miteinander kollidieren.

Das wäre für mich ein anderes Verständnis von Gesellschaft.

Nicht:

So musst Du sein.

Sondern:

So können wir trotz unserer Unterschiede miteinander leben.

Vielleicht sollten wir das Wort normal häufiger ersetzen

Nicht aus politischer Korrektheit.

Sondern weil andere Wörter präziser sein können.

Statt:

„Das ist nicht normal.“

könnte ich sagen:

„Das ist ungewöhnlich.“
„Das kenne ich nicht.“
„Das irritiert mich.“
„Die meisten Menschen machen das anders.“
„Ich verstehe Dein Verhalten gerade nicht.“

Plötzlich verändert sich etwas.

Ich definiere den anderen Menschen nicht mehr.

Ich beschreibe meine Beobachtung.

Und damit lasse ich eine Tür offen.

Vielleicht gibt es eine Erklärung.

Vielleicht lerne ich etwas.

Vielleicht bleibt es trotzdem merkwürdig für mich.

Auch das darf sein.

Vielleicht ist normal deshalb gar nicht das Gegenteil von anders

Vielleicht ist das der Gedanke, der mir am besten gefällt.

Wir behandeln diese beiden Begriffe häufig wie Gegensätze.

Normal.

Anders.

Aber jeder Mensch ist in manchen Bereichen durchschnittlich und in anderen ungewöhnlich.

Vielleicht ist Anderssein deshalb kein Zustand bestimmter Menschen.

Vielleicht ist es ein Bestandteil von Menschsein.

Die entscheidende Frage wäre dann nicht mehr:

„Bist Du normal?“

Sondern:

„Wie viel Unterschied halten wir aus, bevor wir anfangen, ihn korrigieren zu wollen?“


Weiterdenken: Warum Gleichbehandlung nicht automatisch fair ist, steht in „Gleich behandeln ist nicht automatisch fair“.


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