
Wenn ich erklären müsste, wie mein Kopf funktioniert, würde ich wahrscheinlich eine Autobahn nehmen.
Keine gemütliche Landstraße.
Eine sechsspurige Autobahn.
Ohne Geschwindigkeitsbegrenzung.
Auf jeder Spur fährt ein Gedanke.
Manche überholen.
Andere wechseln plötzlich die Spur.
Ein Gedanke nimmt eine Ausfahrt und kommt fünf Minuten später irgendwo vollkommen anders wieder auf die Autobahn.
Und während wir gerade über A sprechen, bin ich gedanklich vielleicht schon bei F.
Das klingt chaotisch.
Für mich ist es das nicht unbedingt.
Für mich ist es Denken.
Ein Gedanke bleibt selten alleine
Wenn mir jemand etwas erzählt, höre ich nicht nur das Gesagte.
In meinem Kopf entstehen sofort Verbindungen.
Was bedeutet das?
Was passiert danach?
Wo habe ich etwas Ähnliches schon einmal gesehen?
Welche Konsequenz könnte daraus entstehen?
Was passiert, wenn wir Variante B wählen?
Was übersieht die Person gerade?
Passt das überhaupt zu dem, was sie vor drei Wochen gesagt hat?
Und während mein Gegenüber noch erzählt, entstehen weitere Abzweigungen.
Das passiert nicht bewusst.
Ich sitze nicht da und denke:
Jetzt analysiere ich einmal fünf mögliche Szenarien.
Sie sind einfach da.
Vielleicht liegt genau darin manchmal das Problem
Denn mein Gegenüber sieht diese Gedanken nicht.
Es hört nur meine Antwort.
Vielleicht sage ich plötzlich:
„Das funktioniert so nicht.“
Für mich liegt davor eine komplette Gedankenkette.
A führte zu B.
B erzeugt wahrscheinlich C.
C kollidiert mit D.
D haben wir aber schon einmal ausprobiert.
Also landen wir irgendwann bei F.
Und F funktioniert nicht.
Mein Gegenüber befindet sich aber möglicherweise noch bei A.
Dann wirkt meine Antwort plötzlich voreilig.
Negativ.
Ungeduldig.
Oder so, als hätte ich gar nicht richtig zugehört.
Dabei kann genau das Gegenteil passiert sein.
Ich habe vielleicht bereits weiter zugehört, als das Gespräch überhaupt gekommen ist.
Das heißt nicht, dass ich automatisch recht habe
Das ist wichtig.
Schnelles Denken bedeutet nicht richtiges Denken.
Auch eine sechsspurige Autobahn kann in die falsche Richtung führen.
Vielleicht habe ich eine Information übersehen.
Vielleicht basiert eine meiner Annahmen auf einer falschen Erfahrung.
Vielleicht erkenne ich ein Muster, wo gar keines existiert.
Vielleicht bin ich so schnell bei einer möglichen Lösung, dass ich die eigentlich bessere Lösung überspringe.
Deshalb ist es wichtig, Gedanken wieder zurückzuholen.
Was weiß ich wirklich?
Was vermute ich?
Welche Annahme habe ich gerade gemacht?
Und was davon hat mein Gegenüber überhaupt gesagt?
Das ist manchmal schwieriger, als es klingt.
Unterbrechen ist ein gutes Beispiel
Ich unterbreche Menschen manchmal.
Das kann unhöflich sein.
Und natürlich muss ich darauf achten.
Aber interessant finde ich, was davor in meinem Kopf passiert.
Jemand erzählt etwas.
Ich erkenne einen Zusammenhang.
Ein Gedanke entsteht.
Dieser Gedanke erzeugt sofort drei weitere.
Gleichzeitig höre ich weiter zu.
Dann kommt noch ein neuer Zusammenhang.
Und irgendwo in diesem Moment entsteht ein innerer Druck:
Sag es jetzt, sonst ist es weg.
Also rede ich.
Von außen:
Er lässt mich nicht ausreden.
Von innen:
Ich versuche gerade, einen Gedanken festzuhalten, während gleichzeitig fünf neue entstehen.
Das entschuldigt nicht jedes Unterbrechen.
Aber es erklärt möglicherweise einen Teil davon.
Und Erklärung und Entschuldigung sind zwei vollkommen unterschiedliche Dinge.
Manchmal muss ich reden, um zu denken
Auch das habe ich lange anders bewertet.
Es gibt Menschen, die denken etwas vollständig durch und sprechen danach.
Bei mir entsteht Klarheit manchmal erst während des Sprechens.
Ich höre meinen eigenen Gedanken.
Verändere ihn.
Verwerfe etwas.
Baue eine neue Verbindung.
Und plötzlich weiß ich, was ich eigentlich sagen wollte.
Von außen kann das wirken, als würde jemand einfach drauflosreden.
Von innen findet gerade ein Denkprozess statt.
Das erklärt vielleicht auch, warum Gespräche für mich so wertvoll sein können.
Nicht nur, weil mir jemand Antworten gibt.
Sondern weil eine andere Perspektive meine Autobahn verändert.
Plötzlich öffnet sich eine Ausfahrt, die vorher nicht da war.
Muster sind überall
Menschen sagen Dinge.
Treffen Entscheidungen.
Verhalten sich auf bestimmte Weise.
Unternehmen entwickeln Prozesse.
Teams entwickeln Dynamiken.
Produkte entwickeln Probleme.
Und mein Kopf versucht ständig, Verbindungen darin zu erkennen.
Das kann unglaublich hilfreich sein.
Vor allem dann, wenn einzelne Informationen für andere noch gar nicht zusammengehören.
Ich sehe vielleicht drei kleine Veränderungen und denke:
Da verändert sich gerade etwas Größeres.
Manchmal stimmt das.
Manchmal nicht.
Aber genau diese Mustererkennung begleitet mich schon sehr lange.
Die andere Seite davon ist anstrengend
Denn eine sechsspurige Autobahn hat nicht nur Vorteile.
Sie wird nicht automatisch leer, weil Feierabend ist.
Gedanken halten sich erstaunlich schlecht an Arbeitszeiten.
Eine Idee erzeugt die nächste.
Ein Problem bleibt irgendwo offen.
Ein Gespräch wird noch einmal abgespielt.
Eine Formulierung beschäftigt mich.
Etwas, das jemand gesagt hat, passt plötzlich zu etwas anderem.
Und dann entsteht daraus wieder etwas Neues.
Das kann produktiv sein.
Aber Produktivität und Ruhe sind nicht dasselbe.
Manchmal möchte man keine weitere Verbindung erkennen.
Manchmal möchte man einfach nur sitzen.
Ohne dass aus einem Baum plötzlich eine philosophische Frage über das menschliche Dasein entsteht.
Lange dachte ich, ich müsste langsamer werden
„Denk nicht so kompliziert.“
„Mach Dir nicht so viele Gedanken.“
„Warte doch erst einmal ab.“
„Du bist schon wieder viel zu weit.“
Solche Sätze können sinnvoll sein.
Manchmal bin ich tatsächlich zu weit.
Aber irgendwann habe ich angefangen, eine andere Frage zu stellen.
Was, wenn das Problem nicht darin liegt, dass ich weit denke?
Was, wenn ich nur lernen muss, besser damit umzugehen?
Denn vielleicht muss ich meine sechs Spuren gar nicht auf eine reduzieren.
Vielleicht muss ich lernen, den Verkehr zu steuern.
Welche Gedanken brauchen jetzt Aufmerksamkeit?
Welche können warten?
Welche sind interessant, aber irrelevant?
Welche muss ich aufschreiben?
Welche beruhen nur auf einer Vermutung?
Und welche sollte ich unbedingt weiterverfolgen?
Das verändert die Perspektive.
Vielleicht müssen nicht alle Menschen gleich denken
Das klingt banal.
Aber unsere Systeme funktionieren häufig so.
Ein Meeting hat eine bestimmte Struktur.
Eine Aufgabe wird auf eine bestimmte Weise erklärt.
In der Schule gibt es einen erwarteten Lösungsweg.
Informationen werden nacheinander präsentiert.
Menschen sollen zuhören, anschließend nachdenken und dann antworten.
Das funktioniert für viele.
Für andere vielleicht nicht.
Vielleicht braucht jemand ein Bild.
Jemand muss laufen.
Jemand muss schreiben.
Jemand muss reden.
Jemand muss erst alle Informationen sehen.
Jemand erkennt die Lösung sofort, kann aber noch nicht erklären, wie er dort angekommen ist.
Warum bewerten wir so häufig den Denkweg, statt zuerst das Ergebnis verstehen zu wollen?
Anders denken ist nicht automatisch besser
Auch das möchte ich nicht romantisieren.
Neurodivergenz ist kein Superheldenumhang.
Schnelles Denken macht niemanden automatisch kreativ.
ADHS macht niemanden automatisch zum Unternehmer.
Autismus macht niemanden automatisch zum analytischen Genie.
Menschen sind Menschen.
Mit Stärken.
Mit Schwierigkeiten.
Und mit vollkommen unterschiedlichen Ausprägungen.
Mir geht es um etwas anderes:
Eine Abweichung vom erwarteten Denkprozess ist zunächst einmal nur eine Abweichung.
Erst der Kontext entscheidet häufig, ob wir daraus eine Stärke oder ein Problem machen.
Vielleicht ist meine Autobahn deshalb weder gut noch schlecht
Sie ist einfach da.
Manchmal bringt sie mich unglaublich schnell irgendwohin.
Manchmal verpasse ich die richtige Ausfahrt.
Manchmal stehen sechs Spuren gleichzeitig im Stau.
Manchmal fahre ich nachts gedanklich noch irgendwo herum, obwohl ich längst schlafen sollte.
Und manchmal sehe ich eine Verbindung, die tatsächlich etwas verändert.
Ich möchte deshalb nicht mehr versuchen, aus meiner Autobahn eine Landstraße zu machen.
Ich möchte verstehen, wie sie funktioniert.
Denn vielleicht besteht Selbstoptimierung nicht immer darin, etwas an sich zu verändern.
Vielleicht besteht sie manchmal darin, die eigene Bedienungsanleitung endlich zu lesen.
Weiterdenken: Wie sehr wir uns an Erwartungen anpassen, auch im Denken, steht in „Wer bin ich eigentlich?“
Schreibe einen Kommentar