
„Du denkst zu kompliziert.“
Diesen Satz kennen wahrscheinlich einige Menschen.
Ich auch.
Und manchmal stimmt er.
Man kann aus einem einfachen Problem ein verdammt kompliziertes machen.
Man kann Risiken suchen, die wahrscheinlich niemals eintreten.
Man kann Dinge zerdenken.
Aber irgendwann kam mir ein anderer Gedanke:
Was, wenn kompliziertes Denken manchmal notwendig ist, damit am Ende etwas Einfaches entstehen kann?
Eine einfache Lösung muss nicht einfach entstanden sein
Wir sehen häufig nur das Ergebnis.
Eine gute Benutzeroberfläche wirkt selbstverständlich.
Ein guter Prozess fühlt sich einfach an.
Eine gute Erklärung versteht man sofort.
Eine gute Entscheidung wirkt im Nachhinein logisch.
Aber vielleicht musste vorher jemand unglaublich viele Möglichkeiten durchdenken.
Was passiert hier?
Was passiert dort?
Was braucht der Nutzer?
Was versteht er nicht?
Wo macht er einen Fehler?
Welche Ausnahme gibt es?
Was passiert danach?
Was passiert, wenn etwas schiefgeht?
Und irgendwann bleiben von hundert Möglichkeiten vielleicht drei übrig.
Dann eine.
Das Ergebnis:
einfach.
Der Weg dorthin:
überhaupt nicht.
Vielleicht verwechseln wir Einfachheit mit einfachem Denken
Das beschäftigt mich besonders bei Produkten und Prozessen.
Wenn ein Nutzer zehn Dinge verstehen muss, damit ein Prozess funktioniert, ist der Prozess vielleicht nicht besonders gut.
Die Komplexität wurde einfach zum Nutzer verschoben.
Eine wirklich einfache Lösung bedeutet häufig, dass jemand anderes die Komplexität vorher übernommen hat.
Jemand musste sie verstehen.
Sortieren.
Reduzieren.
Und entscheiden, was am Ende überhaupt noch sichtbar sein muss.
Einfachheit ist deshalb möglicherweise das Ergebnis verstandener Komplexität.
Das gilt nicht nur für Software
Eine gute Führungskraft kann eine komplexe Situation so erklären, dass jeder versteht, was jetzt wichtig ist.
Ein guter Lehrer kann ein kompliziertes Thema auf einen einfachen Gedanken reduzieren.
Ein guter Fotograf sieht vielleicht hundert Dinge gleichzeitig und entscheidet trotzdem innerhalb eines Augenblicks, was im Bild bleiben darf.
Ein guter Prozess versteckt die Komplexität dort, wo der Mensch sie nicht braucht.
Das Ergebnis wirkt leicht.
Aber Leichtigkeit kann verdammt viel Arbeit gewesen sein.
Mein Kopf macht häufig genau das
Ich sehe viele Möglichkeiten.
Das kann anstrengend sein.
Aber es hat auch einen Vorteil.
Wenn ich 30 Varianten sehe, kann ich anfangen, sie gegeneinander zu prüfen.
Welche brauchen wir wirklich?
Welche sind theoretisch möglich, aber praktisch irrelevant?
Welche erzeugen später Probleme?
Welche lassen sich zusammenführen?
Und irgendwann bleibt etwas übrig.
Manchmal ist es überraschend einfach.
Vielleicht war mein Denken dann nicht zu kompliziert.
Vielleicht musste es kurz kompliziert werden, damit es einfach werden konnte.
Aber es gibt eine Gefahr
Komplexität kann auch Selbstzweck werden.
Man kann so viele Möglichkeiten sehen, dass man gar keine mehr auswählt.
Noch ein Szenario.
Noch eine Ausnahme.
Noch eine Absicherung.
Noch ein Gedanke.
Irgendwann optimiert man eine Lösung für Probleme, die überhaupt nicht existieren.
Das kenne ich ebenfalls.
Deshalb braucht komplexes Denken irgendwann einen Punkt.
Jetzt entscheiden.
Nicht weil alle Möglichkeiten geprüft wurden.
Das werden sie wahrscheinlich nie.
Sondern weil genügend verstanden wurde, um eine gute Entscheidung zu treffen.
Vielleicht liegt die eigentliche Fähigkeit deshalb nicht darin, komplex zu denken
Sondern darin, Komplexität reduzieren zu können.
Viele Informationen aufnehmen.
Muster erkennen.
Zusammenhänge verstehen.
Widersprüche sehen.
Möglichkeiten erzeugen.
Und anschließend alles wegwerfen, was nicht gebraucht wird.
Das ist etwas anderes als Vereinfachung.
Vereinfachung kann bedeuten, wichtige Dinge zu ignorieren.
Reduktion bedeutet für mich:
Ich habe die Komplexität gesehen und bewusst entschieden, was davon relevant ist.
Vielleicht brauchen Unternehmen genau solche Menschen
Menschen, die Dinge infrage stellen.
Menschen, die fünf Schritte weiterdenken.
Menschen, die Muster sehen.
Menschen, die fragen:
„Was passiert eigentlich danach?“
Das kann nerven.
Besonders dann, wenn man einfach weitermachen möchte.
Aber manchmal sitzt genau dort der Mensch, der heute schon das Problem sieht, das das Unternehmen in sechs Monaten teuer lösen muss.
Die entscheidende Frage wäre dann nicht:
Warum denkt dieser Mensch immer so kompliziert?
Sondern vielleicht:
Was sieht er gerade, was wir noch nicht sehen?
Natürlich kann die Antwort auch sein:
Nichts.
Er denkt tatsächlich gerade zu kompliziert.
Auch das gehört dazu.
Aber man müsste zumindest zuhören, um den Unterschied herauszufinden.
Vielleicht ist Einfachheit deshalb etwas anderes, als ich früher dachte
Einfach bedeutet nicht oberflächlich.
Einfach bedeutet nicht, dass vorher niemand tief gedacht hat.
Manchmal ist das Gegenteil der Fall.
Vielleicht muss jemand erst tief genug hineingehen, um herauszufinden, was man alles wieder weglassen kann.
Und vielleicht gilt das nicht nur für Produkte, Unternehmen oder Prozesse.
Vielleicht gilt es auch für das Leben.
Wir denken.
Wir suchen.
Wir probieren.
Wir scheitern.
Wir hinterfragen.
Wir verändern uns.
Wir sammeln immer mehr.
Und irgendwann merken wir vielleicht:
Eigentlich brauche ich erstaunlich wenig.
Menschen, die mir etwas bedeuten.
Etwas, das ich gerne tue.
Zeit.
Nähe.
Freiheit.
Das Gefühl, irgendwie ich selbst sein zu dürfen.
Vielleicht ist das die Ironie daran:
Manchmal müssen wir verdammt kompliziert denken, um bei den einfachen Dingen anzukommen.
Weiterdenken: Wie mein Kopf Gedanken sortiert, steht in „Meine Gedanken fahren auf einer sechsspurigen Autobahn“
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