Eine späte Autismusdiagnose kann vieles erklären – aber sie löst nicht automatisch alle Probleme. In NeuroVibes #26 erzählt Alice Rößler, warum sie den Gedanken an Autismus zunächst ablehnte, wie sie beim Berufseinstieg eine passende Version ihrer selbst zu konstruieren versuchte und weshalb eine zweite Diagnostik für sie eine völlig andere Erfahrung wurde. Es ist eine Geschichte über Masking im Beruf, das Zusammenspiel von Autismus und ADHS und die Frage, was Menschen brauchen, um nicht nur zu funktionieren, sondern bei sich zu bleiben.
Wer ist Alice Rößler?
Alice und ich kennen uns seit 2020. Wir haben gemeinsam gearbeitet, schwierige Gespräche geführt, uns gegenseitig den Spiegel vorgehalten und sind Freunde geworden. Was ich an ihr besonders schätze: Alice sagt nicht das, was man hören möchte. Sie sagt, was sie wirklich denkt – direkt, klar und mit einer guten Absicht.
Beruflich verbindet sie mehrere Welten. Sie kommt aus dem Marketing, arbeitet heute als Product Ownerin und Brand-Marketing-Managerin und lebt als Tätowiererin gleichzeitig ihre kreative Seite aus. Im Gespräch wird schnell deutlich, dass diese Vielfalt kein Widerspruch ist. Sie gehört zu ihrem Denken: strukturiert und vorausschauend auf der einen Seite, spontan, kontaktfreudig und voller Energie auf der anderen.
Ihre Geschichte ist keine Anleitung für eine Diagnose. Sie zeigt aber, wie lange Menschen sich an eine Umgebung anpassen können, bevor sie beginnen, die eigenen Bedürfnisse ernst zu nehmen.
Warum eine mögliche Autismusdiagnose zunächst wie eine Zumutung wirkte
Alice bemerkte früh, dass manches bei ihr anders funktioniert. Als Kind war sie stark zurückgezogen, soziale Interaktion fiel ihr schwer und sie fragte sich, warum andere scheinbar mühelos Freundschaften schließen konnten. Trotzdem wollte sie lange nichts davon wissen, als ihre damalige Partnerin eine mögliche Autismusdiagnose ansprach.
Das hatte viel mit den Bildern zu tun, die unsere Gesellschaft von Autismus zeichnet. Wer nur Sheldon Cooper oder „The Good Doctor“ vor Augen hat, erkennt sich in diesen Figuren vielleicht nicht wieder. Autistische Menschen sind jedoch keine Variante einer Fernsehrolle. Wie sich Autismus zeigt, unterscheidet sich von Mensch zu Mensch und kann sich je nach Lebensphase, Situation und begleitenden Bedingungen verändern. Darauf weist auch die britische Gesundheitsleitlinie für Autismus bei Erwachsenen hin.
Für Alice begann die Annäherung deshalb nicht mit Gewissheit, sondern mit Ablehnung und vorsichtiger Neugier. Ihr pragmatischer Gedanke: Das Schlimmste, was bei einer ergebnisoffenen Auseinandersetzung passieren könne, sei, etwas über sich selbst zu lernen.
Was bedeutet Masking im Beruf?
Masking beschreibt Strategien, mit denen autistische Menschen Merkmale und natürliche Verhaltensweisen verbergen, ausgleichen oder an soziale Erwartungen anpassen. Das kann bewusst geschehen – etwa durch eingeübten Blickkontakt oder vorbereitete Gesprächsmuster. Vieles entwickelt sich aber auch über Jahre als Reaktion auf negative Erfahrungen. Der britische Gesundheitsdienst NHS beschreibt Masking bei Erwachsenen als Anpassung, durch die autistische Merkmale weniger sichtbar werden können; alltägliche und soziale Situationen können dadurch zugleich anstrengend und belastend sein.
Bei Alice wurde Masking besonders am Übergang ins Berufsleben greifbar. Für die Privatperson hatte sie Menschen und Räume gefunden, in denen soziale Interaktion funktionierte. Der Arbeitskontext brachte dagegen neue, meist unausgesprochene Regeln mit sich. Sie nahm Piercings heraus, ließ ein gedehntes Ohrloch schließen, suchte eine weniger alternative Frisur und trug bewusst unauffällige Kleidung – nicht, weil eine Stellenbeschreibung es verlangte, sondern weil ihr Umfeld vermittelt hatte, nur so einen Job finden zu können.
Alice beschreibt den Antrieb dahinter nicht als Optimierung eines bereits guten Zustands. Es ging darum, negative soziale Konsequenzen möglichst zu vermeiden. Genau darin liegt eine wichtige Perspektive auf Masking: Anpassung entsteht nicht immer aus freier Wahl, sondern oft aus dem Versuch, nicht erneut anzuecken, abgewertet oder ausgeschlossen zu werden.
Forschung zu Camouflaging bestätigt, dass solche Strategien auch in formellen Situationen wie der Arbeitswelt vorkommen. Eine Studie mit 262 autistischen Erwachsenen untersuchte Gründe, Kontexte und mögliche Belastungen des Camouflaging. Eine weitere Studie zu alltäglichen sozialen Interaktionen zeigt, wie vielfältig die beschriebenen Anpassungsstrategien sein können. Diese Forschung erklärt nicht Alices individuellen Weg – sie macht aber deutlich, dass ihre Erfahrung kein isoliertes Phänomen ist.
Wenn Anpassung die Frage auslöst: Was von mir ist noch da?
Das Sichtbare ließ sich später relativ leicht zurückholen. Die Piercings kamen wieder, die Haare wurden wieder anders, weitere Tattoos folgten. Schwieriger ist für Alice die Frage, welche weniger offensichtlichen Anpassungen sie in Kindheit und Jugend vorgenommen hat.
„Welche Veränderungen habe ich bewusst oder unbewusst gemacht? Was von mir war einmal da, was jetzt gar nicht mehr da ist – und wie komme ich dahin zurück?“
Diese Frage führt über das reine Ablegen einer Maske hinaus. Es geht nicht darum, jede frühere Entscheidung zu verurteilen. Manche Anpassungen können hilfreich gewesen sein oder zu einem guten Ergebnis geführt haben. Entscheidend ist für Alice heute, die Wahl zurückzugewinnen: nicht mehr „Ich musste“, sondern „Ich entscheide, ob ich das will“.
Der Weg zurück zu sich selbst ist damit keine romantische Rückkehr zu einem unveränderten inneren Kern. Er ist ein Prozess des Beobachtens, Prüfens und bewussten Entscheidens.
Warum zwei Diagnostiken so unterschiedlich verlaufen können
Alices erste Autismusdiagnostik verlief zunächst wertschätzend, endete aber ohne Diagnose. Fragebögen ergaben für sie kein eindeutiges Bild. Gleichzeitig hatte sie einen Job, einen Freundeskreis, Beziehungserfahrung und konnte ihrem Gegenüber in die Augen schauen. Aus ihrer heutigen Sicht wurden diese äußerlich sichtbaren Funktionsmerkmale stärker gewichtet als die Kraft, die sie das Funktionieren kostete.
Sie ging trotzdem nicht mit leeren Händen. Der Prozess brachte Hinweise auf autistische Züge und Alexithymie – Schwierigkeiten, eigene Gefühle zu erkennen oder zu benennen. Nach anfänglicher Wut konnte Alice später beide Perspektiven besser nebeneinander stehen lassen. Dennoch blieb das Gefühl, nicht vollständig gesehen worden zu sein.
Jahre später führten neue Gespräche und andere Perspektiven auf Neurodivergenz dazu, dass sie eine zweite Diagnostik begann. Diesmal erlebte sie einen queer-sensiblen Psychotherapeuten, der ihre ausführlichen Erklärungen nicht als Gegenargument betrachtete, sondern als Teil des Gesamtbildes. Zusätzlich schlug er eine ADHS-Diagnostik vor. Für Alice war das keine Jagd nach weiteren Etiketten. Es war der Wunsch, sich genauer zu verstehen.
Eine professionelle Diagnostik besteht nie nur aus einem einzelnen Fragebogen. Die NICE-Empfehlungen zur Autismusdiagnostik bei Erwachsenen sehen eine umfassende Betrachtung der Entwicklungsgeschichte, möglicher anderer Erklärungen, weiterer neurodevelopmentaler Bedingungen und sensorischer Besonderheiten vor. Bei Unsicherheit oder fehlender Expertise kann auch eine zweite fachliche Meinung sinnvoll sein. Das bedeutet nicht, dass jedes unerwünschte Ergebnis falsch ist. Es bedeutet, dass Diagnostik komplex sein darf.
Autismus und ADHS: kein sauberer Wechsel zwischen zwei Zuständen
Autismus und ADHS können gemeinsam auftreten. Wie beide Bedingungen erlebt werden, ist individuell. Alice beschreibt das Zusammenspiel mit einem Bild, das im Gedächtnis bleibt: Ihr autistischer Anteil wünsche sich nach einem anstrengenden Wochenende Ruhe und Rückzug. Der ADHS-Anteil sitze daneben „wie ein aufgedrehter Jack Russell Terrier“ und frage ununterbrochen, was als Nächstes passiert.
Die beiden Seiten gleichen sich manchmal aus und geraten manchmal in Konflikt. Struktur und Voraussicht helfen Alice in ihrer Arbeit als Product Ownerin. Gleichzeitig kann sie auf Veranstaltungen spontan mit neuen Menschen ins Gespräch kommen. Nach viel sozialer Interaktion entsteht aber ein starkes Bedürfnis nach einer kontrollierbaren, reizarmen Umgebung.
Über ihre persönlichen Erfahrungen mit ADHS-Medikation spricht Alice offen und humorvoll. Daraus lässt sich keine Empfehlung für andere ableiten. Diagnostik und Behandlung gehören in fachkundige Hände und müssen die individuelle Situation berücksichtigen. Auch die NICE-Leitlinie zu ADHS betont, dass Diagnosen nicht allein auf Fragebögen beruhen und Lebensumstände sowie weitere Bedingungen einbezogen werden.
Was ein neurodivergenzfreundliches Arbeitsumfeld ausmachen kann
Ein passendes Arbeitsumfeld beseitigt Neurodivergenz nicht. Es kann aber Barrieren reduzieren und Stärken nutzbar machen. Für Alice sind drei Dinge besonders wichtig: ein Vorgesetzter, der ihre Fähigkeiten erkennt, eine vertrauensvolle Kommunikation und 100 Prozent Homeoffice.
Zu Hause kann sie Licht, Temperatur, Geräusche, Gerüche, Sitzposition und Pausen selbst steuern. Nach einer überreizenden Veranstaltung half es ihr beispielsweise, sich für eine Stunde zurückzuziehen, Kopfhörer aufzusetzen und konzentriert Aufgaben abzuarbeiten. Danach war soziale Interaktion wieder möglich. Entscheidend ist nicht, dieses Modell auf alle zu übertragen. Entscheidend ist die Möglichkeit, Arbeitsbedingungen an tatsächliche Bedürfnisse anzupassen.
Auch Führung spielt eine zentrale Rolle. Alice beschreibt einen Chef, dem sie offen sagen kann, wenn sie festhängt. Er sieht sowohl ihre Fähigkeit, Systeme schnell zu durchdringen, als auch ihre kommunikative Energie. Vertrauen entsteht hier nicht trotz ihrer Unterschiede, sondern durch ein Umfeld, in dem sie diese Unterschiede nicht verstecken muss.
Neurodivergenzfreundliche Arbeit kann daher bedeuten:
- Erwartungen und Regeln ausdrücklich statt indirekt zu kommunizieren,
- unterschiedliche Formen guter Zusammenarbeit anzuerkennen,
- Reize und Arbeitsort flexibel zu gestalten,
- Rückzug nicht mit fehlender Motivation zu verwechseln,
- Stärken konkret zu benennen und Unterstützung ohne Stigmatisierung anzubieten.
Was von Alices Geschichte bleibt
Alices Erfahrung lässt sich nicht auf eine Checkliste reduzieren. Sie zeigt jedoch mehrere Dinge sehr klar:
- Eine späte Diagnose kann Erklärung und Sprache geben, ohne sofort alles leichter zu machen.
- Sichtbares Funktionieren sagt wenig darüber aus, wie viel Kraft eine Situation kostet.
- Masking kann schützen – und zugleich die Verbindung zu den eigenen Bedürfnissen erschweren.
- Eine zweite Diagnostik kann bei begründeter Unsicherheit eine neue Perspektive eröffnen.
- Ein passendes Arbeitsumfeld ist kein Bonus, sondern kann darüber entscheiden, ob Stärken überhaupt zugänglich werden.
- Selbstakzeptanz bedeutet nicht, jede Schwierigkeit schönzureden. Sie bedeutet, die eigene Realität ernst zu nehmen.
Die vollständige NeuroVibes-Folge mit Alice hören
In der Folge sprechen Alice und ich außerdem über Autismusklischees, Augenkontakt, innere Kindarbeit, Zufallsbegegnungen und die Frage, ob Neurodivergenz auch im Angestelltenverhältnis gut funktionieren kann.
NeuroVibes #26 mit Alice Rößler auf Spotify hören
Mehr Gespräche findest du auf der NeuroVibes-Podcastseite. Mehr über meinen eigenen Weg zwischen Business, Technologie und Mensch steht auf der Seite Über mich.
Häufige Fragen
Was bedeutet Masking im Beruf?
Masking im Beruf bezeichnet bewusste oder unbewusste Strategien, mit denen neurodivergente Menschen eigene Verhaltensweisen verbergen oder an erwartete soziale Normen anpassen. Beispiele können eingeübter Blickkontakt, vorbereitete Gesprächsmuster oder das Unterdrücken von Rückzugsbedürfnissen sein. Kurzfristig kann Masking vor negativen Reaktionen schützen. Dauerhaft kann es jedoch viel Energie kosten. Nicht jede Anpassung ist automatisch problematisch; entscheidend sind Freiwilligkeit, Belastung und die Möglichkeit, eigene Bedürfnisse zu äußern.
Warum wird Autismus bei Erwachsenen manchmal spät erkannt?
Autismus kann bei Erwachsenen spät erkannt werden, wenn Menschen wirksame Anpassungsstrategien entwickelt haben, äußerlich gut funktionieren oder nicht den verbreiteten Stereotypen entsprechen. Auch andere Bedingungen wie ADHS, Angst oder Depression können die Einordnung erschweren. Eine Diagnose darf deshalb nicht aus einzelnen Merkmalen abgeleitet werden. Sie erfordert eine fachliche Gesamtbetrachtung, zu der unter anderem die Entwicklungsgeschichte und die Auswirkungen in verschiedenen Lebensbereichen gehören.
Können Autismus und ADHS gemeinsam auftreten?
Ja, Autismus und ADHS können bei derselben Person diagnostiziert werden. Die Ausprägung und das Zusammenspiel sind individuell: Manche Bedürfnisse können sich ergänzen, andere können miteinander in Spannung stehen. Im Podcast beschreibt Alice beispielsweise ein starkes Bedürfnis nach Ruhe neben dem Wunsch nach Abwechslung und neuen Kontakten. Eine persönliche Erfahrung ersetzt keine Diagnostik. Wer entsprechende Fragen hat, sollte sich an qualifizierte Fachpersonen wenden.
Was kann ein neurodivergenzfreundliches Arbeitsumfeld ausmachen?
Hilfreich können klare Kommunikation, vorhersehbare Abläufe, flexible Arbeitsorte, kontrollierbare Reize und vertrauensvolle Führung sein. Welche Anpassungen passen, hängt von der Person und ihrer Tätigkeit ab. Ein gutes Umfeld fragt daher nicht nur, ob jemand eine Aufgabe erledigt, sondern auch, unter welchen Bedingungen die Person dauerhaft gesund und wirksam arbeiten kann. Ebenso wichtig ist, individuelle Stärken wahrzunehmen, ohne Unterstützungsbedarf kleinzureden.
Es wird besser
Auf die Frage, was sie ihrem 16-jährigen Ich sagen würde, antwortet Alice nicht mit einem großen Versprechen. Ihr Satz ist kleiner, ehrlicher und vielleicht gerade deshalb kraftvoll:
„Ich sage nicht, dass es gut wird. Ich sage nur, dass es besser wird.“
Für Menschen, die ihre eigene Neurodivergenz gerade erst erkunden, kann genau diese Perspektive reichen. Nicht alles wird plötzlich einfach. Aber mehr Selbstverständnis, passendere Entscheidungen und Menschen, bei denen keine Maske nötig ist, können einen Unterschied machen.
Hinweis: Dieser Beitrag gibt persönliche Erfahrungen aus dem NeuroVibes-Podcast wieder und dient der Information. Er ersetzt keine medizinische, psychotherapeutische oder diagnostische Beratung. Fragen zu Diagnostik und Behandlung gehören in qualifizierte fachliche Hände.
Quellen: NeuroVibes #26 und das zugrunde liegende Gesprächstranskript; NHS: Signs of autism in adults; NICE: Autism spectrum disorder in adults; NICE: Attention deficit hyperactivity disorder; Cage & Troxell-Whitman 2019; Livingston et al. 2021.

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