
Fast jeder kennt die Geschichte vom hässlichen Entlein.
Ein kleines Tier passt nicht zu den anderen.
Es sieht anders aus.
Verhält sich anders.
Wird ausgegrenzt.
Und irgendwann stellt sich heraus:
Es war gar keine Ente.
Es war ein Schwan.
Eine schöne Geschichte.
Aber mich beschäftigt inzwischen ein anderer Teil davon.
Der Schwan hat sich gar nicht verändert.
Zumindest nicht in dem Punkt, um den es eigentlich geht.
Er war vorher schon ein Schwan.
Vielleicht war er niemals hässlich
Er wurde nur mit Enten verglichen.
Das verändert für mich die ganze Geschichte.
Denn normalerweise lesen wir sie als Entwicklung:
Aus etwas vermeintlich Hässlichem wird etwas Schönes.
Aber vielleicht ist das die falsche Interpretation.
Vielleicht lautet die Geschichte eigentlich:
Ein Wesen wurde jahrelang anhand eines Maßstabs bewertet, der überhaupt nicht zu ihm passte.
Und irgendwann änderte sich nicht das Wesen.
Der Kontext änderte sich.
Plötzlich war das, was vorher falsch wirkte, vollkommen richtig.
Wie oft machen wir das mit Menschen?
Ein Kind passt nicht in die Klasse.
Ein Mitarbeiter nicht ins Team.
Ein Mensch nicht in bestimmte gesellschaftliche Erwartungen.
Und dann versuchen wir häufig zuerst, den Menschen anzupassen.
Sei ruhiger.
Konzentrierter.
Sozialer.
Strukturierter.
Belastbarer.
Kommunikativer.
Selbstständiger.
Flexibler.
Was aber, wenn wir gerade einen Schwan darin trainieren, eine besonders gute Ente zu werden?
Vielleicht kann er das sogar lernen.
Vielleicht wird er irgendwann verdammt gut darin.
Aber was kostet ihn das?
Das Verrückte ist: Irgendwann glaubt der Schwan vielleicht selbst, dass er eine schlechte Ente ist
Das ist für mich der entscheidende Punkt.
Wenn Dir Deine Umgebung lange genug vermittelt, dass Du etwas nicht richtig machst, brauchst Du irgendwann niemanden mehr, der Dich kritisiert.
Du machst es selbst.
Warum bekomme ich das nicht hin?
Warum fällt anderen das so leicht?
Warum bin ich so?
Warum kann ich nicht einfach normal sein?
Du vergleichst Dich mit Menschen, deren Voraussetzungen vielleicht vollkommen andere sind.
Und kommst zwangsläufig zu dem Ergebnis:
Mit mir stimmt etwas nicht.
Vielleicht stimmt aber der Vergleich nicht.
Ein anderes Umfeld kann einen Menschen scheinbar verändern
Das habe ich bei Menschen immer wieder beobachtet.
In einem Umfeld wirken sie unsicher.
Still.
Schwierig.
Unmotiviert.
Dann wechseln sie den Kontext.
Plötzlich sind sie offen.
Kreativ.
Leistungsfähig.
Selbstbewusst.
Und wir sagen:
„Der Mensch hat sich total verändert.“
Vielleicht.
Oder vielleicht sehen wir zum ersten Mal eine Seite, für die vorher kein Platz war.
Das finde ich unglaublich wichtig.
Denn Verhalten ist nicht nur Persönlichkeit.
Verhalten ist auch eine Reaktion auf Umgebung.
Deshalb bin ich vorsichtig mit schnellen Urteilen
Wenn jemand in einem Unternehmen nicht funktioniert, kann die Person ungeeignet sein.
Natürlich.
Aber vielleicht passt die Umgebung nicht.
Wenn ein Kind in der Schule ständig auffällt, kann es Unterstützung brauchen.
Aber vielleicht müssen wir ebenfalls auf die Bedingungen schauen.
Wenn jemand in einer Beziehung immer kleiner wird, muss nicht automatisch mit seiner Persönlichkeit etwas falsch sein.
Vielleicht entsteht dieses Verhalten in genau dieser Beziehung.
Wir möchten Menschen gerne kategorisieren.
Das macht die Welt einfacher.
Der ist so.
Die ist so.
Aber Menschen sind nicht überall gleich.
Vielleicht gibt es Menschen, bei denen Du mehr Du selbst bist
Das ist für mich ein wunderschöner Gedanke.
Es gibt Menschen, bei denen wir uns anders verhalten.
Nicht weil wir spielen.
Sondern weil wir weniger spielen müssen.
Wir reden anders.
Lachen anders.
Sind alberner.
Tiefer.
Ruhiger.
Vielleicht reden wir plötzlich unglaublich viel.
Vielleicht müssen wir uns nicht erklären.
Diese Menschen haben uns nicht verändert.
Sie haben vielleicht nur einen Raum geschaffen, in dem bestimmte Seiten von uns vorkommen dürfen.
Und vielleicht ist genau das eine Form von Zugehörigkeit.
Nicht:
Ich passe perfekt hinein.
Sondern:
Ich muss mich hier nicht permanent passend machen.
Das bedeutet nicht, dass jeder seinen perfekten Schwarm finden muss
Das Leben besteht nicht nur aus Menschen, die genauso sind wie wir.
Zum Glück.
Unterschiede sind wichtig.
Andere Perspektiven sind wichtig.
Reibung kann Entwicklung erzeugen.
Ich möchte nicht ausschließlich mit Menschen zusammen sein, die genauso denken wie ich.
Aber es gibt einen Unterschied zwischen:
Jemand fordert mich heraus.
und:
Ich muss mich permanent verleugnen, damit ich dazugehören darf.
Vielleicht sollten wir lernen, diesen Unterschied früher zu erkennen.
Und vielleicht müssen wir auch selbst aufpassen, keine Entengruppe zu werden
Denn sobald wir einen Ort gefunden haben, an dem wir dazugehören, passiert etwas Interessantes.
Plötzlich gehören wir zur Gruppe.
Und dann kommt jemand Neues.
Anders.
Ungewöhnlich.
Vielleicht unbequem.
Und jetzt sind wir diejenigen, die entscheiden:
Passt der zu uns?
Vielleicht wiederholen wir genau das, worunter wir selbst einmal gelitten haben.
Deshalb bedeutet Vielfalt für mich nicht nur:
Ich möchte mit meinem Anderssein akzeptiert werden.
Sondern auch:
Bin ich bereit, das Anderssein eines anderen auszuhalten?
Auch wenn es nicht meinem Anderssein entspricht?
Das ist deutlich schwieriger.
Vielleicht brauchen wir deshalb weniger Schubladen
Nicht gar keine.
Unser Gehirn kategorisiert.
Das hilft uns, die Welt zu verstehen.
Aber vielleicht sollten Schubladen einen Deckel haben, den man wieder öffnen kann.
ADHS.
Autismus.
Führungskraft.
Introvertiert.
Extrovertiert.
Schwierig.
Talentiert.
Hochbegabt.
Unmotiviert.
Was auch immer.
Eine Beschreibung kann helfen, etwas zu verstehen.
Sie sollte aber nicht verhindern, dass wir den Menschen dahinter noch sehen.
Vielleicht war das hässliche Entlein also niemals hässlich
Vielleicht war es nur am falschen Ort, um sich selbst erkennen zu können.
Und vielleicht ist das eine der schwierigsten Fragen überhaupt:
Bin ich wirklich falsch – oder versuche ich gerade nur, in einer Umgebung richtig zu sein, die überhaupt nicht zu mir passt?
Manchmal müssen wir uns verändern.
Manchmal müssen wir lernen.
Manchmal müssen wir Verantwortung übernehmen.
Aber manchmal müssen wir vielleicht auch einfach aufhören, ein besseres Entlein werden zu wollen.
Und anfangen herauszufinden:
Was bin ich eigentlich?
Weiterdenken: Warum „zu viel“ immer eine Frage des Gegenübers ist, steht in „Vielleicht bist Du nicht zu viel“.
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