
Wenn ich erst diesen Job habe.
Wenn ich erst mehr verdiene.
Wenn die Kinder größer sind.
Wenn dieses Projekt abgeschlossen ist.
Wenn ich abgenommen habe.
Wenn wir umgezogen sind.
Wenn ich Urlaub habe.
Wenn Wochenende ist.
Wenn es endlich ruhiger wird.
Dann.
Ich finde dieses kleine Wort inzwischen ziemlich gefährlich.
Denn manchmal habe ich das Gefühl, dass wir einen erstaunlich großen Teil unseres Lebens damit verbringen, auf ein anderes Leben zu warten.
Wir leben erstaunlich häufig in der Zukunft
Montagmorgen.
Noch fünf Tage bis zum Wochenende.
Januar.
Noch ein paar Monate bis zum Urlaub.
Stressige Phase.
Wenn das Projekt erst abgeschlossen ist, wird alles entspannter.
Nur kommt danach das nächste Projekt.
Nach dem Urlaub kommt der nächste Urlaub.
Nach dem Karriereziel kommt das nächste Karriereziel.
Nach der Gehaltserhöhung verändert sich ziemlich schnell das, was wir für normal halten.
Wir kommen an.
Schauen uns kurz um.
Und suchen das nächste Ziel.
Vielleicht liegt das Problem also gar nicht darin, dass wir unsere Ziele nicht erreichen.
Vielleicht liegt es darin, dass Ankommen erstaunlich kurz dauert.
Ziele sind nicht das Problem
Ich liebe Ziele.
Etwas aufzubauen.
Eine Idee zu verfolgen.
Etwas besser zu machen.
Fortschritt zu sehen.
Ohne Ziele würde mir wahrscheinlich ziemlich schnell etwas fehlen.
Mir geht es deshalb nicht um:
„Lebe einfach im Moment und denke nicht an morgen.“
Das wäre für mich genauso falsch.
Natürlich müssen wir planen.
Natürlich möchte ich wissen, wo ich hinwill.
Die Frage ist:
Wie viel Gegenwart bin ich bereit zu opfern, damit meine Zukunft irgendwann besser wird?
Und wann beginnt dieses „irgendwann“ eigentlich?
Vielleicht verschieben wir Glück
Das finde ich besonders interessant.
Wir verbinden bestimmte Zustände mit einem zukünftigen Ereignis.
Wenn ich zehn Kilo weniger wiege, fühle ich mich wohl.
Wenn ich diese Position habe, bin ich erfolgreich.
Wenn ich genug Geld verdiene, bin ich entspannt.
Wenn ich im Urlaub bin, habe ich Zeit für meine Familie.
Wenn ich weniger arbeite, kümmere ich mich mehr um mich.
Damit geben wir einem zukünftigen Ereignis eine ziemlich große Aufgabe:
Es soll verändern, wie wir uns fühlen.
Manchmal funktioniert das.
Oft wahrscheinlich auch nicht so lange, wie wir glauben.
Denn wir nehmen uns selbst mit.
Auch in den Urlaub.
Auch in den neuen Job.
Auch in das größere Haus.
Erfolg verschiebt seine eigene Grenze
Das kenne ich.
Was früher groß wirkte, wird irgendwann normal.
Eine Position.
Ein Umsatz.
Ein Projekt.
Eine Reichweite.
Etwas, von dem man vor Jahren vielleicht gedacht hätte:
Wenn ich das einmal erreiche …
Dann erreicht man es.
Freut sich.
Und erstaunlich schnell entsteht:
Was kommt als Nächstes?
Das ist nicht automatisch schlecht.
Entwicklung braucht dieses Weiter.
Aber vielleicht muss man manchmal zurückschauen, um überhaupt zu erkennen, dass man bereits an Orten steht, die früher Ziele waren.
Sonst fühlt sich Fortschritt permanent wie Stillstand an.
Kinder machen Zeit brutal sichtbar
Bei Kindern fällt mir das besonders auf.
Man wartet auf Dinge.
Wann schläft das Kind endlich durch?
Wann kann es alleine essen?
Wann braucht es keine Windel mehr?
Wann kommt es in die Schule?
Wann wird es selbstständiger?
Alles verständlich.
Gerade wenn der Alltag anstrengend ist.
Und dann passiert etwas Gemeines:
Es passiert tatsächlich.
Das Kind wird größer.
Und plötzlich vermisst man Dinge, von denen man damals wollte, dass sie endlich vorbeigehen.
Vielleicht ist genau das das Problem mit Zeit.
Wir wissen häufig erst, dass etwas wertvoll war, wenn es vorbei ist.
Deshalb beschäftigen mich kleine Dinge
Nicht nur die großen Ereignisse.
Vielleicht sogar immer weniger.
Ein Gespräch.
Ein bestimmtes Licht.
Ein Geruch.
Ein Kind, das irgendetwas vollkommen Absurdes erzählt.
Ein gemeinsames Essen.
Eine Autofahrt.
Musik.
Das Meer.
Ein Moment, in dem gerade nichts Besonderes passiert.
Diese Dinge bekommen selten einen Eintrag im Lebenslauf.
Niemand schreibt:
2026 – saß mit meinen Kindern am Tisch und musste so lachen, dass mir der Bauch wehgetan hat.
Aber vielleicht besteht genau daraus ein großer Teil dessen, woran wir uns irgendwann erinnern.
Wir dokumentieren Höhepunkte und leben dazwischen
Unsere Fotos zeigen das ziemlich gut.
Geburtstage.
Urlaub.
Hochzeiten.
Ausflüge.
Weihnachten.
Besondere Orte.
Wir fotografieren die Momente, die wir für erinnerungswürdig halten.
Aber der größte Teil unseres Lebens passiert dazwischen.
Dienstagmorgen.
Küche.
Auto.
Büro.
Kinder ins Bett bringen.
Einkaufen.
Warten.
Reden.
Schweigen.
Vielleicht ist das normale Leben gar nicht die Zeit zwischen den wichtigen Momenten.
Vielleicht ist das normale Leben der wichtige Moment.
Nur merken wir es häufig nicht.
Das bedeutet nicht, jeden Augenblick genießen zu müssen
Auch dieser Anspruch kann anstrengend werden.
„Genieße jeden Moment.“
Nein.
Manche Momente sind scheiße.
Manche Tage möchte ich einfach hinter mich bringen.
Manchmal bin ich genervt.
Erschöpft.
Gestresst.
Oder möchte einfach meine Ruhe.
Ich muss nicht dankbar lächelnd vor einem überquellenden Wäschekorb stehen und denken:
Was für ein Geschenk des Lebens.
Darum geht es mir nicht.
Vielleicht reicht es, gelegentlich zu merken:
Das hier ist gerade mein Leben.
Nicht die Vorbereitung darauf.
Nicht die Zwischenphase.
Nicht der Weg zu meinem eigentlichen Leben.
Das hier.
Und irgendwann ist die Zeit tatsächlich vorbei
Das klingt hart.
Aber genau deshalb finde ich den Gedanken wertvoll.
Unsere Zeit ist begrenzt.
Wir wissen nur nicht genau, wie begrenzt.
Und vielleicht ist gerade diese Begrenzung der Grund dafür, dass Zeit überhaupt einen Wert hat.
Wenn ich unendlich viele Sonntage mit meinen Kindern hätte, wäre dieser Sonntag vielleicht weniger besonders.
Wenn jede Begegnung beliebig oft wiederholt werden könnte, müsste ich sie nicht festhalten.
Endlichkeit macht Entscheidungen relevant.
Denn jedes Ja zu etwas ist gleichzeitig ein Nein zu etwas anderem.
Eine Stunde kann nur einmal verwendet werden.
Vielleicht ist Zeit deshalb unsere ehrlichste Währung
Geld kann zurückkommen.
Zeit nicht.
Und trotzdem behandeln wir Geld häufig vorsichtiger.
Wir vergleichen Preise.
Überlegen, ob etwas 50 Euro wert ist.
Aber geben zwei Stunden für etwas aus, das wir eigentlich gar nicht machen wollen.
Das finde ich interessant.
Vielleicht müsste ich häufiger fragen:
Ist mir das meine Lebenszeit wert?
Nicht bei jeder Kleinigkeit.
Das wäre wahnsinnig anstrengend.
Aber bei den großen Dingen.
Arbeit.
Beziehungen.
Konflikte.
Menschen.
Ziele.
Vielleicht müssen wir nicht weniger wollen
Vielleicht müssen wir nur aufhören zu glauben, dass das nächste Ziel endlich alles verändert.
Ich möchte weiter Ziele haben.
Große sogar.
Ich möchte Dinge erschaffen.
Lernen.
Verändern.
Erleben.
Aber ich möchte versuchen, nicht mein gesamtes Leben als Wartezimmer für die nächste Version meines Lebens zu betrachten.
Vielleicht darf beides gleichzeitig existieren.
Ich möchte irgendwohin.
Und:
Ich darf trotzdem hier sein.
Vielleicht kommen wir nämlich niemals endgültig an
Vielleicht wäre das sogar langweilig.
Vielleicht brauchen wir Bewegung.
Entwicklung.
Neugier.
Neue Ziele.
Dann wäre Ankommen gar kein Ort.
Vielleicht ist es ein kurzer Moment, in dem ich erkenne:
Ich bin gerade da.
Nicht fertig.
Nicht perfekt.
Nicht am Ziel.
Aber da.
Und vielleicht reicht das manchmal.
Denn irgendwann wird es keinen nächsten Montag geben.
Kein nächstes Projekt.
Keinen nächsten Urlaub.
Kein „wenn ich erst“.
Und wahrscheinlich wünsche ich mir dann nicht, ich hätte noch ein Ziel schneller erreicht.
Vielleicht wünsche ich mir eher:
Ich hätte öfter gemerkt, dass ich längst mitten in meinem Leben war.
Weiterdenken: Warum wir uns oft im falschen Umfeld für falsch halten, steht in „Vielleicht war das hässliche Entlein nie hässlich“.
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