
„Aber die Regel gilt für alle.“
Dieser Satz klingt erst einmal vollkommen fair.
Alle bekommen das Gleiche.
Alle haben dieselben Regeln.
Alle haben dieselbe Zeit.
Alle müssen dieselben Anforderungen erfüllen.
Niemand bekommt eine Sonderbehandlung.
Fair. Oder?
Ich bin mir da inzwischen überhaupt nicht mehr sicher.
Denn wenn Menschen unterschiedlich sind, kann exakt dieselbe Behandlung zu vollkommen unterschiedlichen Ergebnissen führen.
Vielleicht ist Gleichbehandlung deshalb manchmal sogar das Gegenteil von Fairness.
Eine Regel kann sinnvoll sein und trotzdem für einen Menschen keinen Sinn ergeben
Ich musste darüber besonders im Zusammenhang mit Kindern nachdenken.
Stell Dir vor, es gibt eine Frühstückszeit.
Alle Kinder sollen jetzt frühstücken.
Das hat einen Grund.
Es gibt einen Tagesablauf.
Eine Gruppe muss organisiert werden.
Danach geht es weiter.
Vollkommen nachvollziehbar.
Und dann sitzt dort ein Kind und sagt:
„Ich habe keinen Hunger.“
Was ist jetzt wichtiger?
Die Regel?
Oder die Wahrnehmung des eigenen Körpers?
Das ist für mich keine banale Frage.
Denn wenn wir sagen:
„Es ist jetzt Frühstückszeit, also musst Du essen“,
vermitteln wir gleichzeitig:
Die äußere Regel weiß gerade besser als Dein Körper, was Du brauchst.
Natürlich gibt es Situationen, in denen Erwachsene Entscheidungen für Kinder treffen müssen.
Kinder können nicht jede Konsequenz abschätzen.
Aber trotzdem interessiert mich die Botschaft dahinter.
Was lernt ein Mensch über die Wahrnehmung seiner eigenen Bedürfnisse, wenn äußere Vorgaben immer wichtiger sind als innere Signale?
Regeln entstehen meistens aus einem guten Grund
Das wird bei solchen Diskussionen schnell vergessen.
Regeln sind nicht automatisch schlecht.
Sie schaffen Orientierung.
Sicherheit.
Planbarkeit.
Gerade für Kinder können klare Strukturen unglaublich hilfreich sein.
Auch Unternehmen funktionieren nicht ohne Regeln.
Straßenverkehr schon gar nicht.
Die Frage ist für mich deshalb nicht:
Brauchen wir Regeln?
Natürlich brauchen wir sie.
Die interessantere Frage lautet:
Wann darf eine Regel hinterfragt werden?
Wir verwechseln Gleichheit mit Gerechtigkeit
Zehn Menschen bekommen dieselbe Aufgabe.
Dieselbe Zeit.
Dieselben Informationen.
Damit hatten alle dieselben Chancen.
Oder?
Vielleicht kann einer schlecht lesen.
Einer verarbeitet Sprache langsamer.
Einer versteht Informationen besser visuell.
Einer ist gerade massiv überreizt.
Einer kennt das Thema bereits.
Einer spricht die Sprache erst seit zwei Jahren.
Formal wurden alle gleich behandelt.
Praktisch hatten sie vollkommen unterschiedliche Ausgangsbedingungen.
Und genau deshalb reicht mir der Satz:
„Aber alle bekommen das Gleiche“
nicht.
Vielleicht wäre die bessere Frage:
„Was braucht jeder, um das gleiche Ziel erreichen zu können?“
Das wird schnell als Sonderbehandlung verstanden
Und genau dort wird es gesellschaftlich interessant.
Warum darf der früher gehen?
Warum bekommt sie mehr Zeit?
Warum darf dieses Kind Kopfhörer tragen?
Warum muss der nicht präsentieren?
Warum arbeitet die von zu Hause?
Warum bekommt er eine schriftliche Aufgabenbeschreibung?
Warum darf dieses Kind aufstehen?
Ich verstehe diese Fragen.
Denn von außen sieht individuelle Unterstützung schnell nach einem Vorteil aus.
Besonders dann, wenn ich selbst diesen Vorteil nicht bekomme.
Aber vielleicht bekommt die Person gar keinen Vorsprung.
Vielleicht wird gerade nur ein Nachteil ausgeglichen.
Eine Brille ist auch eine Sonderbehandlung
Eigentlich schon.
Ein Mensch sieht schlechter.
Also bekommt er ein Hilfsmittel.
Niemand sagt:
„Das ist unfair. Dann möchte ich jetzt auch eine Brille.“
Warum nicht?
Weil wir verstanden haben, wofür sie da ist.
Sie verschafft dem Menschen keinen unfairen Vorteil.
Sie ermöglicht ihm etwas, das für andere bereits selbstverständlich ist.
Bei sichtbaren körperlichen Unterschieden verstehen wir dieses Prinzip häufig sehr schnell.
Bei unsichtbaren Unterschieden wird es komplizierter.
Konzentration.
Reizverarbeitung.
Exekutive Funktionen.
Kommunikation.
Soziale Interaktion.
Energie.
Stressregulation.
Von außen sieht man nicht unbedingt, was etwas einen Menschen kostet.
Also beurteilen wir nur das Ergebnis.
Vielleicht ist Fairness deshalb nicht sichtbar
Das finde ich einen wichtigen Gedanken.
Eine faire Entscheidung muss für einen Außenstehenden nicht automatisch fair aussehen.
Wenn zwei Menschen Unterschiedliches bekommen, kann genau das notwendig sein, um ihnen vergleichbare Möglichkeiten zu geben.
Das verlangt allerdings etwas, das schwieriger ist als eine einheitliche Regel:
Wir müssen Menschen kennenlernen.
Und genau das kostet Zeit.
Eine Regel für alle ist effizient.
Individualisierung ist aufwendiger.
Ich muss zuhören.
Nachfragen.
Beobachten.
Verstehen.
Vielleicht ausprobieren.
Und manchmal feststellen, dass meine erste Lösung nicht funktioniert.
Das betrifft Führung genauso
Ich glaube nicht daran, dass man jeden Mitarbeiter gleich führen sollte.
Der eine braucht Freiheit.
Der nächste klare Orientierung.
Einer möchte Feedback sofort.
Ein anderer muss erst selbst darüber nachdenken.
Einer liebt spontane Gespräche.
Der nächste möchte vorher wissen, worum es geht.
Einer möchte öffentlich gelobt werden.
Für jemand anderen wäre genau das unangenehm.
Wenn ich alle exakt gleich behandle, kann ich anschließend sagen:
Ich war fair.
Aber war ich wirklich eine gute Führungskraft?
Vielleicht bedeutet Führung gerade nicht, allen dasselbe zu geben.
Vielleicht bedeutet sie, herauszufinden, was Menschen brauchen, um ihre Arbeit gut machen zu können.
Aber Individualisierung hat Grenzen
Natürlich.
Eine Führungskraft kann nicht 100 vollkommen unterschiedliche Unternehmen innerhalb eines Unternehmens bauen.
Eine Lehrkraft kann bei 30 Kindern nicht 30 vollständige Unterrichtssysteme gleichzeitig betreiben.
Eltern können nicht jede Regel jedes Mal neu verhandeln.
Und auch eine Diagnose bedeutet nicht:
Ab jetzt gelten keine Grenzen mehr.
Deshalb braucht Individualisierung ebenfalls Regeln.
Das klingt erst einmal widersprüchlich.
Ist es aber vielleicht gar nicht.
Wir können ein gemeinsames Ziel haben und unterschiedliche Wege dorthin erlauben.
Das Ziel kann verbindlich sein, ohne dass der Weg für jeden identisch sein muss.
Diesen Gedanken finde ich wesentlich interessanter als völlige Regellosigkeit.
Warum existiert diese Regel eigentlich?
Das wäre vielleicht eine gute Frage für viel mehr Situationen.
Nicht:
„Muss ich mich daran halten?“
Sondern:
„Welches Problem soll diese Regel lösen?“
Dann wird vieles klarer.
Wenn die Regel Sicherheit gewährleistet, gibt es vielleicht wenig Spielraum.
Wenn sie Zusammenarbeit ermöglicht, müssen wir die Bedürfnisse mehrerer Menschen berücksichtigen.
Wenn sie lediglich existiert, weil wir es seit 20 Jahren so machen, dürfen wir vielleicht etwas mutiger werden.
Denn irgendwann passiert etwas Merkwürdiges:
Wir vergessen den Grund einer Regel.
Aber die Regel bleibt.
Und dann verteidigen Menschen einen Prozess, dessen ursprüngliches Ziel niemand mehr kennt.
Regeln sind Werkzeuge
Dieser Gedanke gefällt mir.
Eine Regel ist kein moralisches Wesen.
Sie ist ein Werkzeug.
Wir haben sie geschaffen, um etwas zu ermöglichen.
Ordnung.
Sicherheit.
Zusammenarbeit.
Orientierung.
Wenn das Werkzeug seinen Zweck erfüllt, wunderbar.
Wenn das Werkzeug aber plötzlich verhindert, was es eigentlich ermöglichen sollte, müssen wir darüber sprechen dürfen.
Eine Schulregel sollte Lernen unterstützen.
Eine Unternehmensregel sollte Zusammenarbeit oder ein betriebliches Ziel unterstützen.
Eine Familienregel sollte Zusammenleben ermöglichen.
Der Mensch sollte nicht irgendwann nur noch dafür existieren, die Regel zu erfüllen.
Vielleicht müssen wir Kindern sogar beides beibringen
Regeln zu respektieren.
Und Regeln zu hinterfragen.
Das klingt gefährlich.
Ich finde das Gegenteil gefährlicher.
Ein Kind, das niemals fragen darf:
„Warum?“
lernt möglicherweise nicht Respekt.
Es lernt Gehorsam.
Ich möchte aber auch nicht, dass jede Regel endlos diskutiert wird.
Manchmal lautet die Antwort:
„Weil es gerade notwendig ist.“
Auch das gehört zum Leben.
Vielleicht ist die eigentliche Fähigkeit:
zu unterscheiden.
Wann muss ich mich einer gemeinsamen Regel unterordnen?
Wann darf ich meine Bedürfnisse äußern?
Wann kann eine Ausnahme sinnvoll sein?
Und wann muss eine Regel grundsätzlich verändert werden?
Das ist deutlich komplizierter als:
„Weil ich das gesagt habe.“
Aber vielleicht lernen Kinder dadurch etwas viel Wertvolleres.
Und vielleicht gilt genau das auch für Erwachsene
Wir sind erstaunlich gut darin, Regeln zu befolgen, die niemand mehr hinterfragt.
40-Stunden-Woche.
Präsenz.
Meetings.
Hierarchien.
Karrierewege.
Schulnoten.
Bewerbungsprozesse.
Was davon ist notwendig?
Was davon funktioniert?
Was davon funktioniert nur für bestimmte Menschen?
Und was davon machen wir hauptsächlich deshalb weiter, weil es normal geworden ist?
Ich kenne die Antworten darauf nicht.
Aber ich finde die Fragen wichtig.
Vielleicht bedeutet Fairness deshalb nicht Gleichheit
Vielleicht bedeutet Fairness:
Unterschiede wahrzunehmen, ohne Menschen unterschiedlich viel Wert zu geben.
Das gefällt mir.
Denn Individualisierung bedeutet nicht:
Du bist wichtiger als die anderen.
Sie bedeutet:
Du bist genauso wichtig wie die anderen – deshalb darf ich berücksichtigen, dass Du nicht genauso bist wie die anderen.
Vielleicht sollten wir deshalb beim nächsten:
„Aber die Regel gilt für alle“
kurz überlegen.
Nicht jede Ausnahme macht eine Regel ungerecht.
Und nicht jede Gleichbehandlung macht eine Regel fair.
Manchmal ist das Gerechteste, was wir tun können:
Menschen unterschiedlich zu behandeln, weil wir endlich verstanden haben, dass sie unterschiedlich sind.
Weiterdenken: Der Gedanke davor, warum Passung zwischen Mensch und Umgebung entscheidend ist, steht in „Was, wenn nicht der Mensch das Problem ist, sondern das System?“
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