Was hilft, wenn man sich in der Welt fremd fühlt? Xenia Matthies gibt im NeuroVibes-Podcast eine ebenso einfache wie anspruchsvolle Antwort: Das Ziel muss nicht sein, die fremde Welt vollständig zu verstehen. Der erste Schritt kann sein, die eigene Welt kennenzulernen. Für Xenia führte dieser Weg durch Zwangs- und Panikstörung, langjährige Behandlung, eine späte ADHS- und Autismusdiagnose und schließlich zu einer neuen Form von Selbstverständnis.
Ihr Schlusssatz bündelt das gesamte Gespräch: „Die Lösung, die du suchst, bist du selbst.“ Gemeint ist keine Schuldzuweisung und kein Versprechen, psychische Erkrankungen allein lösen zu können. Es ist eine Einladung, die eigene Wahrnehmung nicht länger ausschließlich an fremden Maßstäben zu messen.
Wer ist Xenia Matthies?
Xenia Matthies ist Wirtschaftspsychologin, systemische Beraterin und selbstständig im Feld mentale Gesundheit und Neuroinklusion. Sie entwickelt Konzepte, Trainings und eigene Methoden, die Menschen beim Verständnis ihrer inneren Zustände unterstützen sollen. Im Gespräch bezeichnet sie sich als autistische ADHSlerin und berichtet von einer Diagnose Mitte dreißig.
Sie spricht außerdem offen über eine lange Geschichte mit Zwangs- und Panikstörung: mehrere Psychotherapien, psychiatrische Behandlungen, Medikamente und Spezialkliniken. Diese Erfahrungen prägen ihre Arbeit, machen sie aber nicht automatisch zu einer allgemeingültigen Behandlungsmethode. Persönliche Erfahrung und berufliche Qualifikation sind wertvoll; medizinische Diagnose und Therapie gehören dennoch in fachkundige Hände.
Xenia schlägt für ihre Arbeit den Begriff „NeuroSynergy“ vor. Statt Menschen nur in ein bestehendes System einzuschließen, fragt sie, was entstehen kann, wenn unterschiedliche kognitive Erlebniswelten gleichwertig zusammenwirken.
Warum werden ADHS und Autismus bei Frauen manchmal spät erkannt?
ADHS und Autismus können sich sehr unterschiedlich zeigen. Sichtbare körperliche Hyperaktivität ist nur eine mögliche Erscheinungsform von ADHS. Xenia beschreibt ihre Hyperaktivität vor allem als innere Unruhe, schnelle Gedanken und Fidgeting. Weil das verbreitete Bild eines ständig körperlich aktiven Kindes nicht passte, hielt sie ADHS lange nicht für naheliegend.
Auch offizielle Leitlinien weisen darauf hin, dass ADHS bei Mädchen und Frauen übersehen werden kann. Eine Diagnose darf jedoch nicht aus einzelnen Eigenschaften oder einem Online-Test abgeleitet werden. Nach NICE gehört dazu eine umfassende klinische und psychosoziale Beurteilung, die Entwicklungsgeschichte, verschiedene Lebensbereiche, mögliche Begleiterkrankungen und andere Erklärungen berücksichtigt.
Bei Autismus gilt ebenfalls: Fähigkeiten und Unterstützungsbedürfnisse unterscheiden sich stark und können sich über die Zeit verändern. Die WHO bezeichnet Autismus als vielfältige Gruppe von Bedingungen der Gehirnentwicklung und weist darauf hin, dass Merkmale zwar früh vorhanden sein können, die Diagnose aber teilweise wesentlich später erfolgt.
Was verändert eine späte Diagnose?
Eine späte Diagnose verändert nicht rückwirkend die eigene Biografie. Sie kann aber die Sprache verändern, mit der ein Mensch sie betrachtet. Xenia beschreibt, dass sie nach der Diagnose erstmals aktiv verstehen und benennen konnte, warum bestimmte Erfahrungen so schwer gewesen waren.
Gleichzeitig entsteht nicht automatisch sofort Gewissheit. Viele Jahre mit Botschaften wie „Du bist anders“, „zu kompliziert“ oder „zu intensiv“ verschwinden nicht durch ein Dokument. Xenia spricht von einer Identitätsparalyse: Plötzlich ist alles anders und zugleich noch genauso wie vorher. Neues Wissen trifft auf ein längst verinnerlichtes Selbstbild.
Zu einer späten Diagnose können deshalb verschiedene Reaktionen gehören:
- Erleichterung, weil Erfahrungen endlich einen Zusammenhang bekommen.
- Trauer über fehlende Unterstützung in der Vergangenheit.
- Zweifel, ob die Diagnose wirklich „berechtigt“ ist.
- Wut über falsche Bewertungen und nicht erkannte Bedürfnisse.
- Neugier auf Strategien, Gemeinschaft und eine neue Selbstbeschreibung.
Keines dieser Gefühle ist vorgeschrieben. Eine Diagnose ist weder die ganze Identität noch bedeutungslos. Sie kann ein Werkzeug sein, um Bedürfnisse, Belastungen und Möglichkeiten klarer zu sehen.
Wenn „kompliziert“ nur bedeutet: Ich kann dir gerade nicht folgen
Xenia und Tasso kennen beide Rückmeldungen wie „zu kompliziert“, „zu reflektiert“ oder „zu viele Fachbegriffe“. Solche Aussagen klingen wie Eigenschaften der angesprochenen Person. Tatsächlich beschreiben sie häufig auch die Beziehung zwischen zwei Kommunikationsweisen: Eine Person denkt und formuliert stark vernetzt; die andere kann oder möchte dieser Tiefe gerade nicht folgen.
Das bedeutet nicht, dass Verständlichkeit unwichtig ist. Kommunikation entsteht gemeinsam. Doch ein fehlender Anschluss beweist nicht, dass eine Person grundsätzlich falsch kommuniziert. Hilfreicher sind konkrete Rückfragen: Welcher Begriff ist unklar? Wo ging der Zusammenhang verloren? Braucht es ein Beispiel oder eine Pause?
Xenia sagt, dass sie präzise Wörter nicht verwendet, um klug zu wirken, sondern weil diese genau das treffen, was sie meint. Sie zu vermeiden kann selbst zu einer Form des Maskings werden. Die bessere Lösung ist nicht immer Vereinfachung um jeden Preis, sondern Übersetzung ohne Selbstverleugnung.
Was bedeutet innere Vielstimmigkeit?
Innere Vielstimmigkeit meint, dass Identität nicht nur aus einer festen Rolle oder einer einzigen, immer gleich klingenden Stimme besteht. Menschen tragen unterschiedliche Bedürfnisse, Erfahrungen, Werte und Reaktionsmuster in sich. Je nach Kontext können andere Anteile in den Vordergrund treten.
Die offizielle Beschreibung von NeuroVibes #5 formuliert dafür: „Ich bin viele. Und ich bin ganz.“ Das ist kein diagnostischer Fachbegriff. Es ist ein Bild für eine Identität, die nicht durch Eindeutigkeit vollständig wird, sondern durch das Anerkennen ihrer verschiedenen Seiten.
Für Xenia zeigt sich diese Vielstimmigkeit zwischen Strategie und Intuition, Wissenschaft und Körperwahrnehmung, Selbstständigkeit und Sicherheitsbedürfnis. Klarheit muss deshalb nicht heißen, sich auf eine Rolle zu reduzieren. Sie kann bedeuten, zu wissen, welche Werte die unterschiedlichen Seiten zusammenhalten.
Von Inklusion zu Synergie
Klassische Inklusion fragt oft, wie eine Person Zugang zu einer vorhandenen Struktur bekommt. Xenia möchte einen Schritt weitergehen: Was verändert sich an der Struktur, wenn unterschiedliche kognitive Perspektiven nicht nur geduldet, sondern miteinander verbunden werden?
Synergie entsteht nicht automatisch durch Vielfalt. Dafür braucht es Rahmenbedingungen:
- Unterschiede dürfen benannt werden, ohne Menschen auf Diagnosen zu reduzieren.
- Erwartungen und Kommunikationswege müssen nachvollziehbar sein.
- Rückfragen gelten nicht als Schwäche oder Widerstand.
- Reizniveau, Pausen und verschiedene Arbeitsweisen werden mitgedacht.
- Betroffene entscheiden selbst, welche persönlichen Informationen sie teilen.
Neuroinklusion ist damit keine freundliche Zusatzleistung. Sie kann die Qualität von Entscheidungen verbessern, weil blinde Flecken sichtbar werden. Gleichzeitig darf sie nicht zum Leistungsargument verengt werden: Menschen verdienen Zugänglichkeit und Respekt auch dann, wenn daraus kein messbarer Produktivitätsgewinn entsteht.
Selbstregulation ist nicht dasselbe wie Selbstbehandlung
Xenia beschreibt die Regulation ihres Nervensystems als zentralen Bestandteil ihres heutigen Lebens. Selbstregulation kann bedeuten, eigene Anzeichen von Anspannung oder Überforderung früher wahrzunehmen und passend zu reagieren – etwa mit Rückzug, Bewegung, einer Pause, klaren Grenzen oder Unterstützung.
Im Gespräch fallen jedoch auch vereinfachende Aussagen über drei Nervensystemzustände. Solche Modelle können als persönliche Orientierung nützlich sein, bilden die wissenschaftliche und klinische Komplexität aber nicht vollständig ab. Sie sollten weder zur Selbstdiagnose noch als Ersatz für evidenzbasierte Behandlung verwendet werden.
Das ist besonders bei Zwangsstörungen wichtig. OCD ist keine bloße Überforderung, die sich mit ausreichender Selbstregulation zuverlässig auflösen lässt. NICE empfiehlt eine fachkundige Beurteilung und je nach Ausprägung evidenzbasierte Verfahren, insbesondere kognitive Verhaltenstherapie mit Expositions- und Reaktionsmanagement sowie gegebenenfalls medikamentöse Behandlung. Bei unzureichendem Ansprechen soll die Behandlung spezialisiert überprüft werden.
Selbstkenntnis, Alltagshilfen und professionelle Behandlung können einander ergänzen. Sie stehen nicht in Konkurrenz.
Wirksamkeit ist nicht dasselbe wie Sichtbarkeit
Ein weiterer starker Gedanke der Folge lautet: Wirksamkeit heißt nicht Sichtbarkeit. Wer etwas Wertvolles tut, muss daraus nicht zwangsläufig eine öffentliche Marke oder eine Selbstständigkeit machen. Tasso beschreibt, dass ihm ein sicherer Arbeitsplatz ermöglicht, Verantwortung für seine Familie zu tragen und dennoch mit Projekten zu wirken.
Xenia kennt die andere Seite: In der Selbstständigkeit wird die eigene Person sichtbar und das eigene Angebot muss vermittelt werden. Dabei entsteht die Gefahr, die Leidenschaft für den Markt so lange zu vereinfachen, bis sie nicht mehr zur eigenen Haltung passt.
Erfolg lässt sich deshalb breiter definieren:
- Wirke ich auf eine Weise, die zu meinen Werten passt?
- Gibt mir die gewählte Form ausreichend Sicherheit?
- Kann ich Grenzen setzen, ohne meine Arbeit zu verraten?
- Würde mich das Thema auch ohne äußere Anerkennung bewegen?
- Dient Sichtbarkeit meiner Wirkung – oder ersetzt sie sie?
Sicherheit ist in diesem Bild kein Mangel an Mut. Aus einem tragfähigen Rahmen kann oft nachhaltigere Wirkung entstehen als aus permanentem Druck.
Wie lernt man die eigene Welt kennen?
Selbstfindung ist keine einmalige Offenbarung. Sie ist ein fortlaufender Prozess aus Beobachtung, Wissen, Erprobung und Beziehung. Xenia empfiehlt, nicht nur zu fragen, wie man den Erwartungen der Außenwelt entspricht, sondern was im eigenen Erleben tatsächlich passiert.
Ein möglicher Anfang:
- Situationen notieren, die Energie geben oder stark erschöpfen.
- Beobachten, wann Kommunikation leicht und wann sie mühsam wird.
- Eigene Interessen aus der Kindheit ohne sofortige Bewertung erinnern.
- Rückmeldungen anderer als Informationen prüfen, nicht als Urteile übernehmen.
- seriöse Informationen zu möglichen Diagnosen suchen.
- bei anhaltendem Leidensdruck fachliche Unterstützung einbeziehen.
Die Frage „Wer bist du, wenn du niemand sein musst?“ kann dabei Orientierung geben. Sie verlangt keine endgültige Antwort. Sie öffnet einen Raum, in dem Leistung, Rolle und Außenwirkung für einen Moment nicht die Hauptsache sind.
Meine Wahrheit ist nicht automatisch deine Wahrheit
Xenia wünscht sich von der Welt vor allem die Bereitschaft, sich selbst zu hinterfragen. Wahrnehmung fühlt sich unmittelbar wahr an. Dennoch ist sie immer perspektivisch. Zwei Menschen können dieselbe Situation verschieden erleben, ohne dass eine Person automatisch lügt.
Neugier ist deshalb eine konkrete soziale Kompetenz. Statt „Warum bist du so?“ kann eine Frage lauten: „Hilf mir zu verstehen, was du gerade brauchst.“ Statt einen Gedankengang als kompliziert abzuwerten, kann man sagen: „Ich habe den Übergang nicht verstanden.“ Das verschiebt die Verantwortung von der Identität zur gemeinsamen Verständigung.
Verbindung entsteht nicht dadurch, dass alle dieselbe Erlebniswelt besitzen. Sie entsteht, wenn Unterschiede nicht sofort als Gefahr oder Fehler behandelt werden.
NeuroVibes mit Xenia Matthies hören
Im vollständigen Gespräch sprechen Xenia Matthies und Tasso Mitsarakis außerdem über Zwangs- und Panikstörung, späte Diagnose, Kreativität, Sprache, radikale Akzeptanz, Selbstständigkeit, Sicherheit, Resonanz und die Frage, was uns antreibt, wenn wir niemand sein müssen.
NeuroVibes #5 mit Xenia Matthies auf Spotify hören
Weitere Gespräche findest du auf der NeuroVibes-Podcastseite. NeuroVibes #4 mit Moritz Reid vertieft nicht-lineares Denken, Energie und KI-Kreativität. In NeuroVibes #1 mit Bianca Enderlin geht es um Selbstannahme und den Mut zum Neuanfang.
Häufige Fragen
Kann ADHS bei Frauen anders aussehen?
ADHS kann sich individuell sehr verschieden zeigen. Innere Unruhe, Vergesslichkeit, Organisationsprobleme oder Unaufmerksamkeit können stärker auffallen als sichtbare motorische Hyperaktivität. NICE weist darauf hin, dass ADHS bei Mädchen und Frauen manchmal übersehen wird.
Reicht ein Online-Test für eine ADHS-Diagnose?
Nein. Fragebögen können Hinweise geben, ersetzen aber keine umfassende fachliche Diagnostik. Entwicklungsgeschichte, mehrere Lebensbereiche, Belastung, mögliche Begleiterkrankungen und andere Erklärungen müssen berücksichtigt werden.
Ist innere Vielstimmigkeit eine Erkrankung?
Nicht in der Bedeutung dieses Beitrags. Hier ist sie eine Metapher für verschiedene Bedürfnisse, Rollen und Seiten einer Person. Bestimmte belastende Erfahrungen können medizinisch relevant sein; das lässt sich jedoch nicht aus der Metapher ableiten.
Kann Selbstregulation eine Zwangsstörung heilen?
Selbstregulation kann im Alltag unterstützend wirken, ersetzt aber keine fachgerechte Behandlung einer Zwangsstörung. Evidenzbasierte Behandlungen umfassen insbesondere kognitive Verhaltenstherapie mit Expositions- und Reaktionsmanagement sowie je nach Situation Medikamente.
Was kann eine späte Diagnose bringen?
Sie kann Erfahrungen erklärbarer machen, Zugang zu Behandlung oder Anpassungen eröffnen und Selbstvorwürfe reduzieren. Gleichzeitig können Trauer, Zweifel oder Wut auftreten. Welche Bedeutung sie bekommt, ist individuell.
Die eigene Welt ist kein falscher Ort
Vielleicht bleibt ein Teil der Außenwelt fremd. Das muss nicht bedeuten, dass die eigene Innenwelt falsch ist. Xenia Matthies’ Geschichte zeigt, wie aus jahrelanger Suche eine Sprache für das eigene Erleben entstehen kann – ohne die Schwere psychischer Erkrankungen zu romantisieren.
Die Lösung liegt nicht darin, alles allein schaffen zu müssen. Sie liegt auch in Wissen, professioneller Hilfe, Gemeinschaft und passenden Strukturen. Doch der Ausgangspunkt bleibt persönlich: die eigene Wahrnehmung ernst zu nehmen, sie sorgfältig zu prüfen und sich nicht länger nur durch die Begrenzungen fremder Maßstäbe zu betrachten.
Hinweis: Dieser Beitrag gibt persönliche Erfahrungen und Perspektiven aus dem NeuroVibes-Podcast wieder. Er stellt keine Diagnose und ersetzt keine medizinische oder psychotherapeutische Beratung.
Quellen: NeuroVibes-Gespräch mit Xenia Matthies und zugrunde liegendes Transkript; offizielle Episodenseite NeuroVibes #5; NICE: ADHD – Information for the public; NICE: ADHD – Recommendations; NICE: OCD and BDD treatment; WHO: Autism.

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